Während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, als alle Kameras auf die einlaufenden Athleten gerichtet sind, zückt Moritz Trompertz, der Debütant, selbst sein Handy. Immer wieder drückt er auf den Auslöser: Selfies von sich und der Tribüne. "Nachts", sagt er, "habe ich mir die Fotos noch etliche Male im Bett angesehen. Ich hatte echt Herzrasen."

Ein paar Tage später, als er zum ersten Mal auf den Kunstrasen von Rio joggt, trägt er die kurzen Haare perfekt nach oben gestylt. Er hat bewusster gegessen und ging in den Monaten zuvor extra früh ins Bett. Alles für diesen Moment. Seinen Holzschläger hält er in der linken Hand, sorgfältig mit Tapeband umwickelt. An diesem Tag gewinnt die deutsche Hockeyauswahl ihr Auftaktspiel mit 6 : 2 gegen Kanada. Anschließend beantwortet Trompertz die Fragen der Journalisten. "Wir haben uns sehr gut präsentiert. Aber wir müssen von Spiel zu Spiel denken", sagte er schweißgebadet. Das klingt routiniert. Dabei ist gerade etwas Entscheidendes in seinem Leben passiert: Moritz Trompertz ist zum Olympioniken geworden.

Insgesamt nehmen an den Olympischen Spielen von Rio 10.500 Athleten aus 205 Ländern teil. Es sind die Besten in ihren Disziplinen. Doch die meisten sind keine Superstars wie der jamaikanische Weltrekordsprinter Usain Bolt, dem das ganze Jahr Kameras auf Schritt und Tritt folgen. Nach dem Olympia-Wahnsinn müssen sie zurück in einen Alltag, der ganz anders aussieht. Sie müssen neben Job oder Studium jeden Tag trainieren: in Turnhallen, auf der Laufbahn, im Kraftraum. Und sie müssen mit ziemlich wenig Geld haushalten.

Deutsche Athleten verdienen so viel wie Kellner, Köche oder Gärtner

Eine Studie des Bundesinstituts für Sportwissenschaft ergab im Jahr 2010, dass deutsche Olympiaathleten im Schnitt 1.919 Euro brutto verdienen: so viel wie Köche, Gärtner oder Kellner. Nach Abzug von Steuern und Ausgaben für ihren Sport bleiben ihnen noch 626 Euro zum Leben. Wer von der Bundeswehr oder der Polizei gefördert wird, verdient zwar etwas mehr. Und das Einkommen variiert je nach Sportart. Segler streichen beispielsweise weit mehr ein als Bogenschützen.

Gezeigt hat die Studie dennoch zwei Dinge: Kaum ein Spitzenathlet kann komfortabel von seinem Sport leben. Außerdem fühlt sich nur ein Fünftel von ihnen gut auf das Arbeitsleben nach dem Sport vorbereitet.

Moritz Trompertz ist nicht nur eine der Nachwuchshoffnungen des deutschen Hockeys – giftig und hart auf dem Platz, seinen Kölner Heimatverein schoss er schon zur Meisterschaft. Er ist auch einer, der bereits im jungen Alter mehr sein will. "Hockey ist eben kein Profisport. Wir alle müssen eigentlich zwei Karrieren gleichzeitig führen", sagte er. Im Nationaltrikot auch an seine Ausbildung zu denken ist für ihn normal. Der 20-Jährige kennt gar kein anderes Leben als das zweigleisige. Sein Gehalt beim Hockeyklub Rot-Weiß Köln reicht zum Leben, aber nicht für große Sprünge. Zwischen seinen zwei Trainingseinheiten pro Tag – morgens Laufübungen oder Kraftraum für Kraft und Schnelligkeit, abends mit Ball und Schläger – lernte er bis vergangenen Sommer für die Schule, machte 2015 in Köln sein Abitur. Im Anschluss ging es dort an die Uni zum Jurastudium. Nach Olympia geht es ins Gericht. Praktikum.

Sein Doppelleben macht Trompertz besonders. Welcher Nationalspieler kann von sich schon behaupten, zugleich Jura zu studieren? Und welcher Student steht sonst noch in der Hockey-Bundesliga unter Vertrag und fährt nach Rio zu den Olympischen Spielen? Das Doppelleben hat aber auch einen hohen Preis. Abends ausgehen, so wie die anderen Studenten, ist nur selten möglich. Seine Freundin beschwert sich ständig, dass er zu wenig Zeit für sie habe. Als einziges Hobby fällt Trompertz ein, dass er ab und zu Playstation spiele.