Die halb garen News sorgten für große Aufregung im Sommerloch. Christoph Blocher prüfe in einem geheimnisvollen Projekt ("Codename 007"!), eine Gratis-Sonntagszeitung zu lancieren. Der SVP-Stratege sei außerdem daran interessiert, seine Basler Zeitung gegen die Zürcher Landzeitungen von Tamedia zu tauschen. So berichtete es das Branchenblatt Schweizer Journalist. Wenig später erklärte der Milliardär, man habe das Sonntagsprojekt geprüft und begraben. Zur BaZ sagte er: "Es ist selbstverständlich, dass in der Medienbranche jeder mit jedem spricht und mögliche künftige Projekte prüft." Im Klartext: Die BaZ kann haben, wer will. Blocher braucht die Zeitung nicht mehr.

Nun scheint also auch die SVP erkannt zu haben, dass ein neues Medienzeitalter angebrochen ist. Die großen Debatten finden nicht mehr in gedruckten Zeitungen, Zeitschriften oder Magazinen statt – sondern online.

Der Differenzierungs-Shitstorm, mit dem Anfang dieses Jahres die Durchsetzungsinitiative in den sozialen Medien zerzaust wurde, war der Partei und ihrem Mastermind eine Lehre. Sie merkten: Erstens, um die eigene Partei auf Kurs zu halten, reicht die Weltwoche vollkommen aus. Zweitens, die Angstbewirtschaftung – Grundaufgabe eines jeden Populisten – übernimmt längst die Gratiszeitung 20 Minuten, wenn sie in Millionenauflage titelt: Wie gefährlich sind junge Flüchtlinge? Und drittens, seit die BaZ einen strammen Rechtskurs fährt, wählt man in Basel linker denn je.

Blocher will sich also von seiner Zeitung trennen. Tamedia, das wichtigste Verlagshaus der Schweiz, dem er das Blatt angeblich andrehen wollte, ist noch radikaler. Es hat sich nicht nur vom Druck-, sondern gleich von dem ganzen Geschäft mit publizistischen Inhalten verabschiedet.

Sämtliche großen Investments der letzten Jahre haben nichts mehr mit Journalismus zu tun. Mit dem Tages-Anzeiger/Bund als Aushängeschild und der Berner Zeitung als Content-Kern wurde die Zeitungssparte in bester Henry-Ford-Manier durchrationalisiert. Mit einem zentralistisch organisierten Mantelsystem liefern die Zürcher ihre News heute vom Berner Oberland bis nach Winterthur, von der Goldküste bis nach Biel.

Als der Tagi-Reporter Constantin Seibt kürzlich auf einer Preisverleihung gefragt wurde, wie er es finde, dass sein Chefredaktor beim Tages-Anzeiger gleichzeitig für die Sonntagszeitung, das Newsnetz und Das Magazin zuständig sei, antwortete Seibt, das sei ihm eigentlich "wurscht". Eher habe er ein Problem damit, dass er gar nicht mehr genau wisse, was der Tages-Anzeiger sei, seit die News von 20 Minuten, der Inlandteil vom Bund, die Auslandsberichte von der Süddeutschen Zeitung und der Sport von der Sonntagszeitung kämen.

Aus Sicht ihrer Eigentümer macht Tamedia alles richtig. 2015 erzielte sie einen – außerordentlich hohen – Gewinn von 334 Millionen Franken und eine Umsatzmarge von 13 Prozent. Für den CEO sprang dabei ein Jahresverdienst von sechs Millionen Franken aus. An die Mitglieder des Aktionärsbindungsvertrages flossen allein in den vergangenen drei Jahren fast 100 Millionen Franken in Form von Dividenden. Das einzige Problem: Es wird nicht ewig so weitergehen, denn das lukrative Geschäftsmodell, es hat keine Zukunft. Auch bei der radikalen Tamedia machen heute die Zeitungen immer noch deutlich mehr Gewinn als die teuer zusammengekauften Digitalgeschäfte.