Und irgendwann ist da diese Frage, die ich meinem Vater dringend stellen möchte. "Papa, warst du eigentlich schon mal in Israel?"

"Nein."

"Möchtest du denn nach Israel?"

"Ja, das wäre eigentlich gut."

"Okay, und wieso wäre das eigentlich gut?"

"Ich habe dort noch eine Briefmarkensammlung."

Das Leben meines Vaters, Leonid Kapitelman, ist vom Selbstverständnis geprägt, ein Jude zu sein. Dabei befolgt er nicht eine einzige Tradition des religiösen Judentums. "Alles Quatsch!" Als Mathematiker sucht Papa die Welterklärung lieber in Zahlen, Schweinefleisch naschend. Am Sabbat sitzt er an der Kasse seines kleinen Ladens in Leipzig, des "Magazins", wo er russischen Wodka, Matrjoschkapuppen und Rotgoldschmuck verkauft. Sein Begräbnis soll aber unbedingt auf einem jüdischen Friedhof stattfinden. Was genau es für meinen nichtreligiösen Vater bedeutet, Jude zu sein, das blieb für mich bis heute unsichtbar.

"Eine Briefmarkensammlung?"

"Eine Briefmarkensammlung. Ich habe sie 1993 meinem besten Freund, Marik Rewsin, nach Jerusalem mitgegeben. Als ich dachte, dass wir auch bald aus Kiew nach Israel nachziehen."

Nur zogen mein Vater, meine Mutter und ihr acht Jahre alter Sohn, also ich, 1994 aus der Ukraine lieber nach Deutschland. Als willkommene Wiedergutmachungsjuden (Kontingentflüchtlinge nannten uns die Politiker). Statt also zusammen das Heilige Land zu besiedeln, so wie die beiden es sich ausgemalt hatten, waren sie plötzlich auf eine Brieffreundschaft zwischen Jerusalem und unserer Plattenbausiedlung in Leipzig angewiesen. Zu Beginn schrieb Marik sehr viele Briefe. Papa wirft sich vor, dass er nur wenige beantwortet hat. Dann versiegten Mariks Briefe. Nicht aus Verärgerung, sondern weil er an Krebs erkrankte und bald starb.

In den folgenden Jahren hat mein Vater zwar internalisiert, wann es Wurstrabatte bei Kaufland gibt, Deutschland aber nie als neue Heimat akzeptiert. Ich glaube, weil er diesem Land den Holocaust nicht verziehen hat. Und weil er ihm misstraut. Seit mein Vater weiß, dass jeden Montag Legida gegen alles demonstriert, was nicht nach Sauerkraut riecht, meidet er auch die Innenstadt. Sein Leben spielt sich ab zwischen seinem "Magazin" und der Wohnung. Im Herbst geht er im Wald Pilze suchen – dort, wo ihn auch keiner sieht.

Zuweilen schaue ich einem unsichtbaren Vater in die Augen, der mir liebevoll aufbürdet, der Grund für unser neues deutsches Leben gewesen zu sein. Denn als Sohn einer nichtjüdischen Mutter wäre ich in Israel immer ein "Jude zweiter Klasse" gewesen. Davor sollte ich bewahrt werden. Na ja. Ausschließlich väterlicherseits Jude zu sein ist wie eine exklusive und lebenslange Mitgliedschaft in einem Schwimmbad, dessen Becken nie mit Wasser gefüllt ist. Deshalb beschließe ich in regelmäßigen Abständen, keine Überlegungen mehr über mein jüdisches Erbe anzustellen. Papas theoretische Heimat fürchte und ersehne ich gleichzeitig. Glorifiziere sie und verdamme ihre rechten politischen Führer.

Ich war noch nie in Israel, aber jetzt, mit fast 30, würde ich gern das Leben sehen, das wir um eine Ausreise verpasst haben. In gewisser Weise hoffe ich den sichtbaren jüdischen Vater zu treffen, der mir verloren gegangen ist. Papa und ich, wir reisen also zum ersten Mal nach Israel! Um seine Briefmarken zu finden, um Marik Rewsin die letzte Ehre zu erweisen. Um dessen Sohn Schenja zu treffen. Und bestenfalls ein wenig deutlicher zu erkennen, wer wir überhaupt sind.