Der Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv. © JACK GUEZ/AFP/Getty Images

Eine genaue Reiseroute hat Papa auch schon im Kopf. Die Reiseroute heißt Borja. Borja ist Papas (und Mariks) Freund aus gemeinsamen Ingenieurstagen im Kiewer Planungsbüro. Er lebt in Netanja. "Borja weiß, wo wir Mariks Frau und seinen Sohn finden. Borja hält mit allen Kontakt." Der allwissende Borja. Er wartet ein paar Monate später tatsächlich hinter Ausgang 32 des Flughafens Ben Gurion. Und empfängt uns mit einer Umarmung, die derart offen ist, dass Papa und ich gleichzeitig in ihr Platz finden. Dann schiebt er uns zu seinem dreitürigen Allwissenheits-Suzuki, in den wir bitte zügig einsteigen sollen, weil er im Parkverbot steht.

Die beiden reden über alte Kiewer Freunde und überlegen, wo diese sich in Israel hingelebt haben könnten. Ich schaue derweil aus dem Fenster und staune, worüber ich so alles staune. Zum Beispiel darüber, dass Israel tatsächlich voller Juden ist. Wer hätte gedacht, dass orthodoxe Juden auch zur Tankstelle müssen? Und dass Dienstwagen von Heizungsmontagefirmen Davidsterne am Rückspiegel baumeln haben? Mitten im Alltag! Als Heizungsmonteur! Dass jüdisches Leben tatsächlich offen, ja allgegenwärtig sein kann, ist ein positiver Schock für mich. Bei Papa war alles Jüdische stets verschämt verborgen. Eine Gefahrenquelle. Strömt es doch einmal nach außen, wird Papa unruhig. In Leipzig kann er nicht an den Stolpersteinen für die ermordeten Rosenfelds vorbeigehen, ohne ein heimliches, aber schiefstolzes Grinsen aufzusetzen. Sollte ich anhand dieses Lächelns bestimmen, was es für meinen Vater bedeutet, Jude zu sein, müsste ich schließen: im Tante-Emma-Laden eine Capri-Sonne stehlen und dafür nicht vergast werden. Und hier tanken die Orthodoxen seelenruhig Diesel und Super.

Ein paar Tage später spazieren wir durch das schnucklige Neve Tzedek, die Keimzelle Tel Avivs. In diesem Viertel entstanden 1887 die ersten jüdischen Siedlungen der Stadt. Kleine bunte Schmuckhäuschen in der sonst hochstöckigen, beigegrauen Großstadt. Entlang der Hochglanzstrände laufen wir weiter zum Stadtbasar: dem Karmelmarkt, Tel Avivs hektischer Hauptschlagader. Der Granatapfelsaft fließt hier in rubinroten Strömen. Der Humus ist zum Niederknien. Während ich dem besten gegrillten Hühnchen meines Lebens begegne, erscheint mir Israel in einem neuen Licht – eine im Nahen Osten eingeklemmte, wunderbar aufregende Welt. Kein geschlossener Diasporaquader, der fortwährend zweitklassige Mitglieder verstößt. Jetzt, in diesem Moment, fühle ich Israel, statt es zu analysieren. Sehe weder den Rücksichtslosigkeit predigenden Netanjahu noch die Kriege, die erlittenen und zugefügten. Papa scheint es ähnlich zu gehen:

"Ich stelle mir dich gerade vor, wie du in Israel mit deiner kleinen Kippa zur Schule gehst."

"Tja, Papa, du wolltest mich ja lieber an die Miltitzer Grundschule zu Frau Haberkorn schicken."

"Ich hatte gute Gründe, dich nicht nach Israel zu bringen. Du wärst hier immer ein Jude zweit..."

"Ja, ja, ich weiß."

Wir touren zum Toten Meer, passieren das gemauerte Sperrungetüm zum Westjordanland, reiben uns mit Salz und Schleim ein, schwelgen durch die Hafenperle Jaffa. Besuchen das Diasporamuseum (das Papa zu teuer findet und in dem er mir ganz beiläufig eröffnet, aus einer Rabbinerfamilie zu stammen). Streiten uns im Militärmuseum darüber, ob Araber und Juden Feinde sein müssen (ich: Nein! Papa: Doch! Ich: Nein, nein, nein!). Erleben die Metropole Tel Aviv dabei, wie sie den Sabbatschlaf schlummert, um schillernd und mit schallendem Lachen wieder zu erwachen. Danach nähert sich unsere Reise ihrem Höhepunkt: Jerusalem.

Orthodoxe Großfamilien mit Einkaufsbeuteln, orthodoxe nach Geschlecht getrennte Schulklassen. Ein Mann in Mönchskutte, der Kekse kauft.

"Fühlst du dich denn heute seelisch bereit für die Klagemauer, Papa?"

"Ich bin sehr angespannt."

"Na ja, vielleicht ist das ja genau der richtige Zustand?"

"Aber nein", belächelt Papa mich. "An die Klagemauer muss man ruhig und ausgeglichen treten."

"Dann frage ich mich aber, weshalb sie Klagemauer und nicht Mauer der Ruhe und Ausgeglichenheit heißt."

Durch lockende Basargassen, vorbei an Ständen mit Bongos und Bob-Marley-Badehosen. Stufen steigen. Security-Check. Alles ablegen, alles wieder aufnehmen, schmaler Durchgang aus Glas. Und dann erstreckt sie sich vor uns. Optisch unterscheidet sie sich wenig von den Wällen der Altstadt ringsherum. Die gleichen sandfarbenen, massiven Steinblöcke. Spatzen nisten in den Steinrillen des etwa zwanzig Meter hohen und fünfzig Meter breiten Gemäuers. Ein Holzzaun teilt das Areal, sodass sich die Geschlechter bei ihren heiligen Verrichtungen nicht zu nahe kommen. Die Frauen klagen etwas dichter beieinander. Wohl auch, weil der ihnen zugewiesene Teil deutlich kleiner ausfällt. Im Hintergrund blitzt ein Zipfel des vergoldeten Felsendoms auf. Meine Brust zieht sich zusammen. Weshalb? Ich weiß nicht genau, ob mich eher meine eigene Überforderung überfordert oder ob ich befürchte, nicht damit umgehen zu können, falls Papa an der Mauer gleich weint.

Es ist Brauch, bei Mauergängen kleine Briefe in die Wand zu schieben. Die Mauer gilt als offizielle Anschrift Gottes. Papa stopft als Erstes seinen Brief mit fast bürokratischem Eifer in eine der überfüllten Rillen. Dann schließt er die Augen und legt seine Hände an die Mauer. Die Stirn lässt er an sie gelehnt. Nur mit seinen Armen drückt er sich immer wieder ab und wippt leicht. Fast ein wenig sexuell. Nach etwa dreißig Sekunden kehrt er zu mir zurück. Nur eine halbe Minute? Ernsthaft, Papa?