Gebete vor der Klagemauer in Jerusalem. © THOMAS COEX/​AFP/​Getty Images

Ich bin dran und beschließe, meine Nachricht erst zum Schluss im Stein zu verankern. Vorher möchte ich erspüren, wem und was ich hier etwas anvertraue. Ich lasse meine Hände an der Mauer und bewege nur die Stirn. Bald entspannen sich meine schlotternden Knie. Ich würde mich gern hingeben, aber kann nicht. Spirituelle Impotenz. Und jetzt? Ratlos drehen wir zum Ausgang ab. Als wir fast wieder draußen sind, interveniere ich:

"Papa, bist du sicher, dass du der Wand schon alles gesagt hast? Wer weiß, ob du jemals wieder hierher zurückkehrst."

"Du hast recht, Dima. Ich möchte ein Gebet sprechen."

Beten? Papa? Er holt sich eine russischsprachige Gebetsbroschüre und tritt wieder an die Mauer. Still steht er da, die Augen geschlossen. Ich konnte meinen Vater noch nie so schwer lesen wie in diesem Moment. Vielleicht ist er müde geworden, das zu verachten, was seine Vorfahren ehrten. Das, was sie, ihn und zur Hälfte mich vielleicht erschaffen hat – das, was hier Briefe entgegennimmt.

Am Folgesabbat sitzen Borja, Papa und ich in einem Jerusalemer Hotelzimmer. Gleich wird sich zeigen, ob Papa seine geliebte Briefmarkensammlung wiedersehen wird. Der Allwissende hat die Handynummer von Witwe Rewsin ermittelt.

Papa übernimmt den Hörer freudestrahlend. "Hallo, meine liebe Schanacka!" Sein Strahlen währt nicht lange. Zum Friedhof wird sie uns nicht begleiten. Und den Wunsch, uns zu treffen, hegt sie auch nicht. Über das Schicksal von Papas Briefmarken weiß sie nichts. In der alten Wohnung, im Keller, da könnte die große Box vielleicht lagern. Wobei auch das eher unwahrscheinlich sei. Immerhin erfahren wir von Schana, dass Schenja, ihr Sohn, inzwischen Rabbi ist, ein gutes halbes Dutzend Kinder gezeugt hat und sich nun Jehuda nennt. Die beiden haben seit neun Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Weil Schenja/Jehuda versucht, Kontakt zu den Weltlichen zu vermeiden, so wie es ihm sein Glaube gebietet.

Papa bekam Schenja/Jehuda das letzte Mal vor sechsundzwanzig Jahren zu Gesicht. In Kiew, als Schenja von allen Jurik genannt wurde und ein 17-jähriger Nerd war. Der 43-jährige Jehuda, den wir am nächsten Morgen im rein orthodoxen Viertel Neve Yaakov abholen, ist ein schlanker, langer Mann im schlichten Orthodoxenkostüm. Sein bis zur Brust gezüchteter Bart hat am Ende die ersten grauen Härchen. Aber hinter diesem Haarknäuel und der dicken Brille verstecken sich ein jung gebliebenes Gesicht und frische Augen. Er wirkt zugänglich. Und doch scheint es ihm unangenehm, mit uns drei Allerweltsjuden in einem Auto zu sitzen. Am Friedhof angelangt, verteilt Schenja/Jehuda hebräische Gebetsbüchlein an Borja und Papa. Bei mir zögert er kurz.

"Sie lesen kein Hebräisch, oder?" Es ist der erste und einzige Satz, den er an diesem Tag mit mir sprechen wird.

"Nein, leider nicht."

Also bekomme ich kein Buch.

Har HaMenuchot, Jerusalems größter und jüngster Friedhof, erstreckt sich über mehrere mächtige Hügel im westlichen Teil Jerusalems, schon fast außerhalb der Stadt. Jüdische Gräber werden auch nach Jahrzehnten nicht eingeebnet, sie sollen auf ewig bestehen. Das führt allerdings zu einem akuten Platzmangel und Preisanstieg für die künftigen Toten der Heiligen Stadt. Neben dem Friedhof auf dem Tempelberg (17.000 Euro pro Grube) und dem Friedhof Sanhedria ist Har HaMenuchot so eine Art Discounter-Ruhestätte. Die Sonne strahlt, als müsste sie den Dahingeschiedenen beweisen, dass sie etwas verpassen. Schenja/Jehuda stellt sich vor das Grab seines Vaters und beginnt ein Gebet zu verlesen.

Da stehen wir vier also. Links der Rabbi Schenja/Jehuda, der sich gegen eine Karriere als Programmierer entschieden hat, acht orthodoxe Kinder aufzieht und mit sicherer Stimme aus seiner großen schwarzen, lederummantelten Thora vorträgt. Neben ihm Borja, der zumindest des Hebräischen mächtig ist, mit seinem kleinen Finger unsicher über das fremde Büchlein fährt und das Gebet leise nachstottert. Der in einem Arbeiterviertel Netanjas lebt und Software für Israels Schulen programmiert. Dann Papa, den die Entscheidung, nach Deutschland zu emigrieren, für immer von seinen engsten Freunden getrennt hat. Der das für ihn unentzifferbare hebräische Gebetsbuch andächtig in den Händen hält und dann verunsichert schließt, um es kurz darauf doch wieder wahllos an irgendeiner Stelle aufzuschlagen. Und ich. Der Falschjude, der Israel nicht kapiert und dennoch danach greift. Der auch gern ein Büchlein bekommen hätte, das er nicht versteht. Der nie das sein darf, was er dank seinem Vater, dem Menschen, in dem er sich so oft wiedererkennt, eigentlich ist. Nicht vollwertig zumindest.

Wieder im Auto, thematisiert Papa seine verschollenen Briefmarken. Schanas schwammige Antwort hat ihn stutzig gemacht.

"Jurik, weißt du vielleicht, was mit der Briefmarkensammlung passiert ist, die ich deinem Vater mitgegeben habe?"

"Die haben wir schon 1996 verkauft. Gab fast nichts dafür, tausend Schekel oder so. Das hat alles Ihnen gehört?"

"Ja! Ich habe diese Sammlung zwanzig Jahre lang zusammengestellt! Sie war sehr wertvoll!"

Borja muss schnellstens zur Arbeit nach Tel Aviv und setzt uns drei an einer Bushaltestelle ab. Zu dritt steigen wir in den Bus der Linie 74. Die Andacht bei Mariks Grab hat unsere ungewöhnliche Gruppe geeint; nun tritt mit jeder Sekunde deutlicher zutage, dass hier Menschen beieinandersitzen, die völlig verschiedene Vorstellungen vom richtigen Leben haben. Eine Konstellation, die Papa, gekränkt vom Verkauf seiner Heiligtümer, strapaziert.

"Jurik, mich beschäftigt so eine Frage."

"Fragen Sie nur."

"Ja, also acht Kinder. Wie finanzierst du das? Bekommt ihr Unterstützung vom Staat?"

Schenja/Jehuda zuckt zusammen.

"Schön wär’s. Der Staat Israel stellt seine Zahlungen an Orthodoxe sukzessive ein."

"Wovon lebt ihr denn dann?"

"Ich erhalte ein Stipendium über dreitausend Schekel, um mir das ungestörte Studium der Thora zu ermöglichen."

"Und wie hoch ist eure Miete?"

"Dreitausend Schekel."

Papa spitzt spöttisch seine Lippen.

"Und das reicht für ein göttliches Leben?"

"Wir schaffen es irgendwie als Gemeinde. Wir leben nicht so, nach Zahlen. Wir leben eben."

Ein weltlicher und ein orthodoxer Jude prallen aufeinander. Wenig später entschuldigt sich Schenja/Jehuda, springt auf, rennt zum Busfahrer und fragt, ob er aussteigen kann. Er flieht. Papa wollte den Sohn seines Freundes Marik unbedingt treffen. Nun hat er ihn getroffen und regelrecht fortgejagt.

"Ich kann einfach nicht fassen, dass Marik meinen Besitz versetzt hat. Wie konnte er mir das antun? Dima, ich will sofort zur Klagemauer!"

Schon wieder? Wozu? Papa hat doch gerade erst den Sieg der Zahlen über die Gebote vorexerziert (seiner Ansicht nach). An der Mauer angekommen, lässt er sich ganz selbstverständlich alles für das Gebet anlegen. Die Gebetsriemen um Arm und Hand, die Kapsel mit einem Schnipsel Thora an die Stirn, sodass Herz und Verstand in Verbindung treten. Denn aus diesen beiden Dingen, glauben die Juden, setzt sich ein Mensch zusammen. So schreitet Papa zur Mauer und betet los! Als wir den Platz verlassen, scheint die Briefmarkensammlung vergessen. Mein jüdischer Vater, der Kämpfe um weltlichen Besitz durch Gespräche mit Gott löst: Jetzt, hier in Jerusalems Altstadt, sehe ich ihn. Als einen Menschen, der das verkörpert, was er ist. Was er schon immer sein wollte. Denn bei aller Verstörtheit und Verachtung gegenüber dieser ewig gejagten, auf Genealogie basierenden Weltreligion – ich habe meinen Vater nie sagen hören, dass er kein Jude sein will. Ich werde seinen Anblick nicht vergessen, auch wenn seine Gestalt keinen rechten Sinn ergeben will.

"Immer noch alles Quatsch", sagt Papa auf dem Rückweg zum Hotel. Und erzählt einen Witz darüber, wie der sehr gläubige Isja vom Blitz getroffen wurde.