DIE ZEIT: Frau Boie, Sie haben über 100 Bücher geschrieben. Ihre Texte, Herr Heinrich, wurden mehrfach ausgezeichnet und auf Theaterbühnen gebracht. Ist jetzt, da Deutschland Ferien macht, die Hauptlesezeit für all die Geschichten, die Sie sich für Kinder und Jugendliche ausgedacht haben? Oder funken da die Smartphones und iPads dazwischen, die Computerspiele und Pokémon?

Finn-Ole Heinrich: Ich erlebe oft, wie Kinder gerade auf Reisen von ihren Eltern ruhiggestellt werden. Die drücken denen ein iPad in die Hand und sind froh, wenn für eine Weile Ruhe ist. Ist auch verlockend ...

Kirsten Boie: Die Frage ist: Warum soll in der Freizeit überhaupt noch gelesen werden? Also, rein zum Vergnügen. Ich erinnere mich an einen Vortrag, den ich vor 22 Jahren gehalten habe. Es gab damals Fernsehen, Video, Gameboy, aber kein Internet. Und ich habe dem Publikum gesagt: Wenn sich herausstellt, dass niemand mehr lesen will, und Bücher nichts bringen, was die anderen Medien nicht ohnehin auch leisten können, dann muss das Lesen eben sterben. So wie der Minnesang mit dem Buchdruck ausgestorben ist.

ZEIT: Und wie denken Sie heute?

Boie: Man sollte realistisch bleiben: Was in der Gesellschaft seine Funktion verliert, nicht mehr gebraucht wird, verschwindet. Trotzdem war ich damals naiv. Ich hab überhaupt nicht darüber nachgedacht, was das Lesen zusätzlich leisten kann.

ZEIT: Kinder und Jugendliche lesen nach wie vor gern und viel, Mädchen etwas lieber als Jungs. Die Statistiken widersprechen in diesem Punkt regelmäßig den Kulturpessimisten.

Heinrich: Alle haben Bock auf Geschichten. Auch die Jungs. Die sitzen total gebannt in den Lesungen, hören zu und haben Fragen. Geschichten werden nicht verschwinden. Wir Menschen leben davon, dass wir uns Geschichten erzählen. Und wenn sich die Geschichten nun ein neues Medium erobern, welches auch immer das sein mag, dann werden wir das nicht verhindern können. Wir tun immer so, als wären Bücher ein unverzichtbares Kulturgut, das uns alle retten kann. Aber wenn ich mir heute Sechsjährige anschaue, die vor Konsolen sitzen und in ihren virtuellen Welten Städte bauen oder andere verrückte Dinge kreieren, bei denen ich überhaupt nicht mehr mitreden kann – da kann ich ja nicht einfach sagen: Du liest aber hakelig vor! Deren Fähigkeiten liegen ganz woanders.

Boie: Ich hab im letzten Jahr mit einigen Zwölfjährigen Strategiespiele auf dem Smartphone gespielt, um zu wissen: Was machen die da? Ich war zutiefst beeindruckt, wie kompliziert und komplex das alles ist und was für eine Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung so ein Spiel erfordert. Ich habe keine Angst vor diesen neuen Medien. Das bedeutet aber nicht, dass wir nun aufs Lesen verzichten können.

ZEIT: Was verlieren Kinder, die keine Bücher lesen?

Boie: Beim Lesen ist man auf eine andere Weise bei sich selbst als beim Filmegucken oder beim Computerspielen. Einfach deshalb, weil man im Buch nur diese kleinen schwarzen Zeichen auf weißem Papier hat. Damit daraus die berühmten inneren Bilder entstehen, steuere ich meine eigenen Gefühle, Erinnerungen und Gedanken bei. Deshalb ist ja auch dasselbe Buch im Kopf jedes Lesers ein anderes. Jeder Leser ist gleichzeitig Mitautor, der beim Lesen auf ganz intensive Weise sein eigenes Gedächtnis- und Gefühlsmaterial bearbeitet. Das ist fast wie eine kleine Psychotherapie.

Heinrich: Und so ein Buch ist ja wirklich ein zuvorkommendes Ding. Es ist ruhig, es bimmelt nicht die ganze Zeit, niemand ruft einen drauf an. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Das Buch hat es schwer, sich gegenüber diesen ganzen Medien durchzusetzen, die einen so zuballern mit Sinneseindrücken. Und gleichzeitig ist es gerade die Reduktion der Mittel, die den Leser zu jemandem macht, der selbst etwas kreiert: seine eigene Geschichte.