Der Strandkorbvermieter Lähn macht an diesem Julitag in Timmendorfer Strand den Kirchendiener. Er wuchtet Strandkörbe in Richtung Meer, gruppiert sie im Halbrund um einen Campingtisch. Darauf breitet die evangelische Pastorin Katharina Gralla soeben die Utensilien für eine Taufe am Meer aus: ein Holzkreuz, eine Kerze, ein Tischglöckchen, eine Flasche Wasser.

Seit dieser Saison ist Katharina Gralla im Sommerhalbjahr Ferienpastorin an der Ostsee. Bis vor wenigen Monaten arbeitete die Mutter dreier Söhne als Schulpastorin in Hamburg. Aber nun wollte die 50-Jährige näher ran an jene Menschen, "die mit der Kirche nur sporadisch zu tun haben".

In vielen deutschen Urlaubsgebieten, vor allem an den Küsten, sind im Sommer Ferienpfarrer im Einsatz, evangelische wie katholische. Mit Ferienpfarrern möchten die Kirchen Menschen erreichen, die sonst keine Gottesdienste besuchen. In den Urlaubsorten an der See bieten evangelische Pfarrer deshalb Hafen- und Campinggottesdienste an, auch auf Fischkuttern und Kreuzfahrtschiffen wird gepredigt. Die Katholiken wiederum machen "Seelsorge am Meer", organisieren Kirchenführungen, veranstalten Konzerte und Ausstellungen.

Pastorin Gralla hat ihr Pfarrbüro neuerdings in der idyllisch gelegenen Waldkirche in Timmendorfer Strand. Sie hält diesen Sommer zum ersten Mal Andachten in den Kirchen der Lübecker Bucht. Besonders beliebt sind halbstündige Versammlungen unter freiem Himmel, die "Atempause am Abend" heißen. Und natürlich gehören zum Angebot einer Ferienpfarrerin auch Taufen und Trauungen am Meer.

In Timmendorfer Strand tauft Pastorin Gralla an diesem Samstagmorgen die vier Jahre alte Celina. Die Familie, mit polnischen Wurzeln, kommt aus einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Es sei ihr wichtig, sagt die Mutter, dass ihre Tochter kirchlich getauft werde, zumal sie, die Eltern, nur standesamtlich geheiratet hätten.

Die Taufgesellschaft besteht aus jungen Menschen, obenrum festlich gekleidet, in Sakkos und Tops, untenrum in Strandoutfit: Shorts und Badeschlappen. Pastorin Gralla bittet Celina zu sich an den Tisch und spricht den Taufspruch aus dem 91. Psalm: "Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen." Celina, im weißen Kleid, blickt zu Boden und gräbt die Zehen in den Sand. Die Pastorin greift zur Wasserflasche, bespritzt das Kind mit einigen Tropfen und bimmelt dazu mit dem Tischglöckchen. Sie sagt: "In der Kirche würden jetzt die Glocken läuten."

"Ein weiter Horizont hilft, die innere Enge aufzubrechen"

Mehr Deutsche denn je verbringen diesen Sommer ihren Urlaub an Nord- und Ostsee. Sie träumten zwar von den Malediven und den Seychellen, aber, so drückte es unlängst ein Reiseforscher auf der Internationen Tourismus-Börse in Berlin aus: In Wirklichkeit ziehe es sie immer wieder an die heimischen Meere. Sie liebten nicht nur die See, sondern suchten auch das Vertraute, das Heimelige. Warum?

Die Pastorin Gralla glaubt, die neue Sehnsucht nach dem Meer habe damit zu tun, dass sich die Menschen heute trotz aller Freiheiten beengter fühlten als früher, durch beruflichen Stress oder eine belastende Lebenssituation. "Ein weiter Horizont hilft, die innere Enge aufzubrechen."