Der Tomatenfisch kann gar nicht schwimmen, er heißt nur so. Wie eine Art zerquetschter Paradeiser mit grünem Stilansatz als Flossen sieht er aus und dient einem Forschungsprojekte zur nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion als Logo. Klement Tockner klimpert mit seinen Fingern über einem Bottich, der im Wasser schwimmt, so als wollte er das bizarre Geschöpf anlocken. Es zeigen sich aber nur ein paar normale Buntbarsche und Welse. Bei knapp 30 Grad steht Tockner, 53, im Anzug im Gewächshaus und erklärt das kleine geschlossene Ökosystem, das die Fische, die Tomaten in den Hängebeeten und die vielen Wasserrohre hier am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin bilden. Noch leitet Klement Tockner als Direktor die Forschungsstätte.

Denn mit September wird der international führende Gewässerökologe aus der Steiermark als Präsident des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) nach Österreich zurückkehren. Tockners größte Aufgabe wird es sein, mehr Geld einzutreiben. Seit Jahren gilt der Wissenschaftsfonds, die wichtigste Anlaufstelle für Grundlagenforscher, als unterfinanziert. Mittlerweile müssen die Gutachter 80 Prozent der Anträge eine Absage erteilen, darunter wissenschaftlich hochwertige Projekte. Das Jahresbudget beträgt derzeit rund 200 Millionen Euro, und von weiteren 100 Millionen Euro ist die Rede, die der FWF pro Jahr brauchte, um die Grundlagenforschung wieder angemessen fördern zu können. Klement Tockner gibt sich entspannt: "Der wichtigste Schritt ist, Vertrauen aufzubauen, mit dem Ministerium, den Universitäten, den Forschungseinrichtungen und insbesondere mit den Wissenschaftlern."

Das klingt nach Poesiealbumweisheit, aber das Vertrauen zu den Geldgebern wird Tockner tatsächlich erst aufbauen müssen. Er hat zwar in Japan, den USA und der Schweiz gearbeitet, in Österreich aber seit 20 Jahren nicht mehr. Mancher Kritiker fragt, ob Tockner die Forschungslandschaft seiner Heimat gut genug kennt, um den größten Förderpool der Basiswissenschaft zu leiten. Tockner wägt die Antwort genau ab: "Man kann unbefangen, keinesfalls naiv, vielleicht ein bisschen blauäugig reingehen." Er ist zurückhaltend optimistisch, besonders wenn er "ich" sagen müsste. Lieber spricht er von "man". Oft schmunzelt er über sich selbst, etwa wenn er die Fische in den Bottichen anpreist: Allesfresser, pflegeleicht, "und sie schmecken ausgezeichnet".

Unternehmen Tomatenfisch ist nur eines der vielen Projekte, die dem Berliner Institut mit rund 400 Mitarbeitern in Tockners Amtszeit internationales Prestige gebracht haben. Das Wasser aus den Fischbottichen wird biologisch gefiltert und zu den Pflanzen geleitet, die nehmen die Nährstoffe auf und schwitzen über ihre Blätter das gereinigte Wasser als Dampf wieder aus. Dieser wird mit einer Kühlfalle aufgefangen und fließt zurück zu den Fischen; dabei entstehen kaum Abfälle. "Das Gewächshaus kann man wie einen Baukasten aufbauen und zum Beispiel in China oder Afrika einsetzen, wo die natürlichen Gewässer häufig bereits zu verschmutzt sind und Wasser besonders knapp ist", erklärt Tockner.

Eigentlich könnte er sein Jackett ablegen in dieser feuchten Hitze. Aber Tockner glaubt offenbar, dass er die Forschungsideen seiner Mitarbeiter besser vermitteln kann, wenn er dies in tadellosem Outfit tut. Als IGB-Direktor muss er beides können: die Wissenschaft verstehen, neue Forschungsprojekte bewerten und anstoßen und gleichzeitig der Manager im Anzug sein, der die Interessen des Instituts vertritt. Bis zu den Sommerferien hat er auch als Professor für Aquatische Ökologie an der Freien Universität Berlin gearbeitet.

Wissen und höhere Bildung hat sich Klement Tockner schwer erarbeitet. Als siebtes von neun Kindern wächst er nicht nur in malerischer Natur, sondern auch in Armut auf. Eine halbe Stunde muss er vom elterlichen Bergbauernhof den steirischen Schöderberg hinuntergehen, um zur Schule zu kommen. Zunächst ist es eine Volksschullehrerin, die den jungen Buben begeistert. Auf ihr Drängen hin kann der Berglerjunge in der Kreisky-Ära auf das Bischöfliche Gymnasium in Graz wechseln. Zwar darf er einmal im Monat nach Hause, aber meistens fehlt das Geld für ein Ticket. Wenn er doch zu seinen Eltern reist, fährt er manchmal schwarz.

Er schämt sich dafür, arm zu sein. Aber es spornt ihn auch an. In der Oberstufe gibt er Nachhilfe, verkauft Eis und Kaffee, schleppt Kohlen. "Man macht viel, um ein bisschen Unabhängigkeit zu erlangen." Das bisschen Unabhängigkeit ist zum Beispiel seine erste eigene Hose, mit 17 Jahren. Eine Hose, die niemand vor ihm getragen hat, die nicht gespendet wurde, die ganz neu ist.