Mit biologischer Vielfalt und nachhaltigem Wassermanagement beschäftigt sich Tockner seit seinem Studium. Dabei hätte er "genauso Gebirgsforscher, Geograf, Philosoph oder sonst etwas werden können. Es geht darum, dass man für etwas begeistert wird und zugleich gestaltend wirken kann." Als Tockner in Wien Zoologie und Botanik studiert, nimmt ihn ein Uni-Assistent nachts mit an die Donau, um Köcherfliegen mit Lichtfallen einzusammeln. Tockner lacht, wenn er darüber spricht, wie es ihn fasziniert hat, die Fliegen auszuwerten. Er weiß, dass das nicht jeder aufregend findet. Für ihn ist es der Beginn seiner Forschungsleidenschaft.

Seine Dissertation schreibt er über die ökologische Bedeutung der Uferbereiche der Donau. Danach untersucht er monatelang die Wasserressourcen in Ruanda und Uganda. Während er von den Flüssen und Seen Proben nimmt, eskaliert in Ruanda die Gewalt zwischen den Hutu und der Tutsi-Minderheit. An einem Fluss an der Grenze zu Burundi sieht er zum ersten Mal in seinem Leben mehrere Leichen. Nur drei Wochen nachdem er Afrika verlassen hat, bricht im April 1994 der Völkermord aus. Monate später kehrt Tockner nach Ruanda zurück, da ist sein ehemaliges Haus zerstört, zwei seiner Mitarbeiter sind tot, der dritte hat sich wochenlang in den Sümpfen versteckt. Wie schwer diese Erfahrung für den jungen Mann war, lässt Tockner heute nur erahnen. "Man hat ein Gefühl von Machtlosigkeit, da muss man aufpassen, dass dadurch kein fatalistisches Gefühl entsteht."

Eine gewisse Art von Demut ist noch jetzt präsent. Als Direktor des Leibnitz-Instituts beteuert Tockner, das IGB sei kein Anwalt der Natur. "Es geht darum, Evidenzen zu haben, damit die Gesellschaft Entscheidungen treffen kann." Auch als künftiger Präsident des FWF sieht Tockner keine Eigeninteressen des Fonds. "Es geht darum, die Grundlagenforschung nach höchster Qualität zu unterstützen."

Am Ufer des Großen Müggelsees, an dem das IGB liegt, zeigt Tockner auf eine Messstation im Wasser und erzählt fast stolz von den Forschungsmöglichkeiten. Wer am Institut nachfragt, hört viel Lob über den scheidenden Chef, weil Tockner sich aufrichtig für die Arbeit der Kollegen interessiere. Er geht mit seinen Mitarbeitern essen, lädt sie zu sich nach Hause ein und versucht, auf Konferenzen ihre Vorträge zu hören. Wegen seiner Zurückhaltung war manch einer skeptisch, als Tockner 2007 Direktor des IGB wurde. "Er hatte gar nicht diese typische Chefmanier", dachte eine Kollegin damals. Das kann dazu führen, dass er unterschätzt wird. In Berlin ist die Irritation lange verflogen. Tockner wird zugeschrieben, dass das IGB internationaler und sichtbarer wurde. Er ist nun derjenige, der begeistert, der seine Mitarbeiter ermutigt, die großen, fachübergreifenden Fragen zu stellen.

Diese Haltung und seine Ideen für den FWF haben auch den Aufsichtsrat in der Wiener Sensengasse überzeugt, Tockner setzte sich gegen 18 Mitbewerber durch. Er will Stiftungen in die Förderung miteinbeziehen, zweckfreie und anwendungsorientierte Projekte stärker verbinden, etwa um die Volkskrankheiten der Zukunft zu erforschen. Tockner denkt über Crowdfunding und mehr Bürgerbeteiligung an den Projekten nach. "Herr Tockner bedient sich keiner barocken Sätze, sondern kommt stets direkt und prägnant zum Thema", sagt Hans Sünkel, Aufsichtsratsvorsitzender des FWF, der Tockner vor dessen Bewerbungsgespräch nicht kannte.

Während seine Vorgänger, darunter der Kernphysiker Helmut Rauch und die Astrophysikerin Pascale Ehrenfreund, ehrenamtlich arbeiteten, wird Tockner den Wissenschaftsfonds aufgrund einer Novelle zum Forschungs- und Technologieförderungsgesetz hauptberuflich leiten und nach Wien ziehen. Seine Ehefrau bleibt mit den zwei Töchtern zunächst in Berlin, damit sie dort das Abitur machen.

Tockner weiß, dass ihm auch Projekte wie der Tomatenfisch fehlen werden. "Ich sehe mich als einen forschenden Direktor und nicht nur als einen Manager", sagt er. Er bezeichnet sich als "Facilitator", er initiiert, ermöglicht und unterstützt Ideen. "Ich kann die Projekte so weit ziehen, bis sie von anderen weitergezogen werden können." Dann braucht Tockner wieder neue Aufgaben, deshalb gibt er jetzt auch die beamtenähnlich sichere Funktion in Berlin auf. Aber ständig allein im stillen Büro des FWF sitzen, das liege ihm nicht, lächelt Klement Tockner. In Wien wird man ihn wohl öfter im Kaffeehaus arbeiten sehen.