Seit zwei Jahren rückt die Ukraine Israel immer näher. Natürlich nicht geografisch, sondern in der Lebensart und Denkweise ihrer Bürger. Man gewöhnt sich einfach an den Krieg. Auch die jüngsten, merkwürdigen Ereignisse auf der annektierten Halbinsel Krim haben es gezeigt: Als Russland verkündete, "ukrainische Saboteure" hätten an einem Grenzübergang zur Krim ein Feuergefecht begonnen, diese "Grenze" werde daher geschlossen, machten die ukrainischen Reisenden dort nicht etwa kehrt. Sie fuhren einfach weiter und stellten sich mit ihren Wagen am Kontrollpunkt in die Warteschlange. Es werde schon irgendwie weitergehen, dachten sie.

Am Tag darauf zeigte das russische Fernsehen Aufnahmen von der Festnahme "ukrainischer Terroristen". Dabei kam auch der Nachthimmel mit Vollmond ins Bild. Daraufhin schaute ein Fernsehzuschauer in den Mondkalender und stellte fest: Vollmond hatten wir zwei Wochen früher.

Derweil erzählen Einwohner der Krim unterschiedliche Versionen von der Schießerei. Im Dorf Suworowo, lautet die eine, hätten am fraglichen Abend Krimtataren eine Hochzeit gefeiert. Dann tauchte eine Gruppe russischer Soldaten auf, die von der Gesellschaft jedoch nicht an den Hochzeitstisch gelassen wurde. Worauf die Soldaten beleidigt waren und schossen. Die andere Version lautet, einige Soldaten hätten etwas getrunken und seien dann mit der Waffe in der Hand aus ihrer Einheit abgehauen. Für diese Version sprechen Meldungen, wonach die Polizei auf der Krim nach fünf kräftigen, bewaffneten Männern in Tarnuniformen mit russischen Hoheitszeichen fahndet. Wie auch immer: Während die Welt noch Putin lauschte, der drohte, die Ukraine für diesen "Terror" zu bestrafen, wurde die Grenze wieder geöffnet, worauf die Reisenden aus der Ukraine freudig auf die besetzte Halbinsel fuhren.

Im Donbass dauert der Krieg inzwischen zwei Jahre. Zwar befindet er sich seit der Minsker Konferenz vom September 2014 im Stadium eines "Waffenstillstands". Aber jeden Tag meldet das Fernsehen, wie oft die ukrainischen Truppen heute mit Artillerie beschossen wurden, und zählt die toten und verletzten ukrainischen Soldaten. Oft berichten die Medien auch von großen Verlusten der Kämpfer auf der anderen Seite. Das müsste unsere Bürger eigentlich freuen; dennoch dominiert die Gleichgültigkeit. Das ändert sich natürlich sofort, wenn jemand einen Verwandten als Soldaten an der Front hat.

Viele Mitbürger sind in diesem Monat zum Urlaub an die Strände von Odessa und Umgebung gefahren oder in die Türkei, nach Montenegro oder Ägypten. Urlaub in Odessa oder Montenegro gilt als politisch korrekt. Urlaub auf der annektierten Krim gilt als Verrat. Dennoch "verraten" Hunderttausende Ukrainer auf diese Art ihr Vaterland an den Stränden der Krim.

Alle beeilen sich, etwas von der Augustsonne abzubekommen – solange es noch ruhig ist

Wer sich Urlaub nicht leisten kann und auch nicht an die Front geschickt wurde, der beschäftigt sich hauptsächlich damit, in Fernsehen und Internet den Aufstieg von Nadija Sawtschenko zu verfolgen, dem neuen Star der ukrainischen Politik. Ihre Biografie erinnert immer stärker an einen Abenteuerroman. Nach der Ausbildung zur Schneiderin und dem Versuch der journalistischen Betätigung wurde sie Zeitsoldatin, war 2004 in der internationalen Irak-Mission eingesetzt und wurde schließlich Pilotin eines Kampfhubschraubers.

Doch ins Donbass fuhr Offizierin Sawtschenko als Freiwillige, da sie gerade Armeeurlaub hatte. Nachdem Donbass-Kämpfer sie festgenommen und nach Russland gebracht hatten, wurde sie in Abwesenheit in der Ukraine ins Parlament gewählt. In ganz Europa und sogar in Russland forderten Demonstranten ihre Freilassung; sie wurde zu 22 Jahren Haft verurteilt, aber dann im Mai dieses Jahres freigetauscht. Triumphal kehrte sie nach Kiew zurück.

Im Juni ließ sie Ambitionen erkennen, Staatspräsidentin zu werden. Neuerdings fordert sie, Kiew solle direkt mit den Separatistenführern im Donbass verhandeln, den Kampf gegen sie einstellen und alle inhaftierten Kämpfer freilassen. Was dann die Antwort der Kämpfer sein werde, sagt sie nicht. Vermutlich weiß sie es nicht.

So halten viele Sawtschenko inzwischen für entweder nicht sehr intelligent oder aber für eine Agentin des Kremls. Die Schriftstellerin Oksana Sabuschko suggeriert sogar, Sawtschenko sei in den zwei Jahren in russischer Haft hypnotisiert und zu einem Sprachrohr der Ideen Putins gemacht worden. Dafür könnte sprechen, dass Sawtschenko erklärt hat, sie habe der russischen Justiz nichts vorzuwerfen!

So hält sie die Ukrainer in Atem, mehr noch, als die Olympischen Spiele in Rio es tun. Derweil geschehen im Land wahrhaft erschreckende Dinge. An erster Stelle ist hier die Ermordung des Journalisten Pawel Scheremet zu nennen; eine Autobombe zerriss ihn im Zentrum von Kiew. Er war Staatsbürger Russlands und hatte dort beim Fernsehen Karriere gemacht, ehe er, wie manch ein Journalist, von dort in die Ukraine übersiedelte. Scheremets ebenfalls übergesiedelte Kollegen werteten die Bombe als Signal: als Warnung an sie, erst gut zu überlegen und dann zu schreiben. Die ukrainische Polizei vermutet die russischen Geheimdienste hinter der Aktion; sie wollten die Lage im Lande destabilisieren.

Die Schweiz Osteuropas

Derweil gehen die sommerlichen Festivals und die Urlaubszeit weiter. Langsam neigt sich der Sommer zur Neige, und viele Ukrainer beeilen sich, noch etwas von der heißen Augustsonne abzubekommen. Andere beeilen sich zu heiraten – solange es noch warm und für ein Krieg führendes Land relativ ruhig ist. In diesem Sommer hat das Justizministerium Büros für die beschleunigte Registrierung von Eheschließungen eröffnet. Zunächst war diese Blitz-Dienstleistung für Binnenflüchtlinge aus dem Donbass und für Soldaten gedacht. Doch zugänglich war sie für alle; sie wurde schnell populär. Die Zahl der Paare, die binnen eines Tages heiraten wollen, wächst in geometrischer Progression.

In einem normalen Land gilt die Zahl der Heiraten als Anzeichen für finanzielle und politische Stabilität. Finanzielle Stabilität flößt den Menschen Vertrauen in die Zukunft ein und lässt sie öfter Familien gründen. In der Ukraine ist auch das Tempo zu einem Kriterium geworden: die Zeit, die man aufwenden muss, um einen Reisepass zu bekommen oder eine Ehe zu schließen.

Die Stabilität der Finanzen und der Währung, der Hrywnja, erschien mir bis vor Kurzem als etwas Irreales, Künstliches. Bis ich einen Bekannten fragte, der Zugang zu den Amtsstuben der Regierung hat: Woher kommt in diesem Land im Krieg die finanzielle Stabilität? Er antwortete: Die Beamten würden jetzt weniger stehlen. Staatsaufträge würden jetzt über das Programm ProZorro im Internet abgewickelt (ein Wortspiel: Prozoro heißt auf Ukrainisch "transparent"). Staatsgelder zu klauen sei jetzt viel schwieriger, die Einkünfte seien durch diese Neuerung um ein Drittel gewachsen.

Als ich das hörte, wuchs mein Respekt für die Berufsgruppe der Programmierer (die auch diese Reform ermöglicht haben) ins Unermessliche. Jetzt begriff ich: Die Programmierer sind für die Ukraine wichtiger als die Politiker. Wir sollten Programmierer ins Parlament wählen oder in die Regierung holen, damit sie unserem Land möglichst schnell eine normale europäische Zukunft einprogrammieren. Damit sie ein "Programm" installieren, das die Ukraine nach und nach in die Schweiz Osteuropas verwandelt: in ein stabiles, multiethnisches und tolerantes Land. Eine andere Zukunft sehe ich für die Ukraine nicht!

Aus dem Russischen von Gerhard Gnauck