Der Kampf ums Wasser hat begonnen. Junge Kreative interessieren sich plötzlich für Hydrodynamik und Wasserwegerecht. Sie gestalten Schwimmkörper, stöbern im Netz nach billigen Außenbordmotoren. Auf dem Land gibt es nicht mehr genug Freiräume, finden sie. Nun wollen sie aufs Wasser.

An verschiedenen Orten der Stadt konstruieren Filmemacher, Fotografen und Künstler neuerdings künstliche Inseln. Es sind Leute, die von sich selbst sagen: "Ich bin komplett seeuntüchtig", wie Sanne Neumuth, die auf der Veddel mit einigen Mitstreitern an der "Schaluppe" arbeitet. Oder: "Expertise im Bootsbau hatten wir eigentlich gar nicht", wie Finn Brüggemann, der zu den Erfindern des "Archipels" in Wilhelmsburg zählt, einer Anlage aus frei kombinierbaren Schwimmkörpern.

Jedes Floß, das wir auf dieser Seite vorstellen, ist sein eigener Prototyp. Oft wird erst auf der Baustelle klar, was funktioniert und was noch mal umgeplant werden muss. Wenn man die Bauherren fragt, warum sie sich das antun – körperliche Arbeit, die sie als Akademiker leicht vermeiden könnten, außerdem das finanzielle Risiko und die Unsicherheit, ob das Floß am Ende auch schwimmen wird –, fangen sie an, von "utopischen Räumen" zu sprechen, die für alle Menschen da sein sollen.

Marco Loredo, zum Beispiel, träumt davon, mit seinem Badeschiff die Menschen im Hamburger Süden zusammenbringen. Den Bauplan seines Schiffes hat er mit Künstlern entwickelt. "Wenn Mehmet da reinspringt, muss er aber nicht wissen, dass das Kunst ist", sagt Loredo. "Bei einem Freibad gibt es keine Schwellenängste wie etwa bei einer Galerie." Und Claudius Schulze will andere anstiften, selbst Floße zu bauen. Er sagt: "Gigantisch große Wasserflächen liegen brach!"

Dass Gewässer in Hamburg ungenutzte Freiflächen sind, ist jedoch eher Wunsch als Wirklichkeit. Dort walten längst andere Interessen, meist jene der Hafenwirtschaft. An Land gelten Künstler als Avantgarde, die aus alten Fabriketagen Lofts machen und aus Gewerbehallen Kulturzentren. Nicht immer gelingt das ohne Konflikte. Mit den Floßen könnte es ähnlich kommen.

Die Bagalute

Die Idee: Letztes Jahr baute Claudius Schulze, der als Fotograf auch für die ZEIT arbeitet, an einem Baumhaus. Das scheiterte. Jetzt versucht er es noch mal – ohne Baum, auf dem Wasser.

Maße: 10 Meter Länge, 5 Meter Breite

Gewicht: 10 Tonnen

Fassungsvermögen: Etwa 25 Leute

Bauzeit : Baubeginn war Ende März, kommendes Wochenende soll das Boot ins Wasser, pünktlich zum Dockville-Festival. In Zukunft soll es Erzähl- und Kochabende auf dem Floß geben. Wichtigstes Werkzeug: Akkuschrauber

Herausforderung: Die Schwimmkörper aus Holz mit Kunststoff zu beschichten.

Kosten: Etwa 10.000 Euro (davon 1.000 allein für Schrauben) aus eigener Tasche.

Lage: Gebaut wird am Hafenmuseum

Das Archipel

Die Idee: Eine öffentliche Fläche auf dem Wasser, gebaut aus Pontons, für Konzerte, Yogakurse, Grillfeste 

Maße: 50 Quadratmeter

Gewicht: 8 Tonnen

Fassungsvermögen: Bis zu 60 Leute

Bauzeit: Mai–Juni 2015 Wichtigstes Werkzeug: Schweißgerät

Herausforderung: "Die wasserrechtliche Erlaubnis", sagt die 27-jährige Nuriye Tohermes. "Und ein einladendes Klima zu schaffen. Wir wollen nicht bestimmen, was auf dem Archipel stattfindet, aber dass es dort divers zugeht."

Kosten: 8.000 Euro für den Bau, 1.500 Euro im Jahr für den Betrieb. Dafür gab es städtische Fördermittel und Gelder von Kulturstiftungen.

Lage: Vehringkanal, Wilhelmsburg

Das Badeschiff

Die Idee: Im schmutzigen Wasser des Vehringkanals kann man nicht schwimmen. Aber auf dem Kanal – wenn man ein Badeschiff hätte, wie es sie in Wien und Berlin bereits gibt.

Maße: 25 Meter Länge, 5 Meter Breite

Fassungsvermögen: Etwa 20 Leute

Bauzeit: Drei Monate. Losgehen könnte es im Oktober, zu Beginn der Freibadsaison am 1. Mai wäre das Schiff dann an seinen Platz geschleppt. Offen ist, ob der Bau noch 2016 beginnt. Wichtigstes Werkzeug: Ein Kran, um das Badeschiff ins Wasser zu heben

Herausforderung: "Die schiere Größe", sagt Marco Loredo, 37, der für sein Schiff vier Container verschweißen will

Kosten: Unter 100.000 Euro

Lage: In Wilhelmsburg, so der Wunsch

Die Schaluppe

Die Idee: Ein Kulturfloß als bewegliche Bühne und Tagungsraum, getragen vom Verein für mobile Machenschaften

Maße: 15 Meter Länge, 5 Meter Breite

Gewicht: 10–15 Tonnen

Fassungsvermögen: 50 Leute

Bauzeit: Juni–September 2016 (laut Plan) Wichtigstes Werkzeug: Wegen der stählernen Schwimmkörper läuft die Flex im Dauerbetrieb. Zwei oder drei seien bereits in Rauch aufgegangen.

Herausforderung: "Die Stahlarbeiten!", sagt die 31-jährige Anni Kraus. "Erst waren die Stahlplatten teurer als geplant, dann hat es ewig gewittert, dann gab es Rost." Und dann ist da die Flex.

Kosten: Etwa 35.000 Euro, das meiste davon kommt von Kleinspendern.

Lage: Gebaut wird auf der Peute