Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Hat wohl je ein deutscher Kanzler die Leitung der ZEIT angerufen und sie gerüffelt: "Wie konntet ihr diesen Bericht bringen?!" In der Türkei ist so etwas gang und gäbe. Der Mitschnitt eines solchen Rüffels wurde vor zwei Jahren – als Frucht des Konflikts zwischen Gülen und Erdoğan – im Internet geleakt. In diesem Telefonmitschnitt ist Erdoğan, überzeugt von seinen Erfolgen im Gesundheitswesen, verärgert wegen eines Berichts in der Zeitung zum Thema Gesundheit. In dem Bericht beklagt sich ein Vater, ihm sei es nicht gelungen, seine dreijährige behinderte Tochter in einem Krankenhaus behandeln zu lassen. Erdoğan liest den Bericht und ruft sogleich den stellvertretenden Vorsitzenden der Mediengruppe an, die für ihre Nähe zu ihm bekannt ist: "Hör mal, Fatih, heute steht auf Seite 24 in der Zeitung ein fast ganzseitiger Bericht unter dem Titel Soll das die Türkei sein, die behauptet, im Gesundheitswesen den Sprung in die Moderne geschafft zu haben? Nun mäßigt euch aber mal! Wie könnt ihr so eine Überschrift drucken?" – "Das ist eine Schande, mein Herr. Das ist eine Schande." – "Es ist eine Schande, aber wie soll man das nun wieder hinkriegen, nach so einer Überschrift? Wir füllen den Eimer, ihr versetzt ihm einen Tritt und macht alles zunichte. Wir können diese Meldungen doch nicht von A bis Z verfolgen!" – "Das stimmt natürlich. Es ist unser Fehler. Das kommt nicht wieder vor. Ganz wie Sie befehlen. Ich lasse sofort Mehmet Bey (den Gesundheitsminister) anrufen und eine Meldung für Seite eins machen."

Sie können sich denken, was am nächsten Tag in der Zeitung stand: Auf der ersten Seite fand sich ein großer Bericht darüber, wie der Gesundheitsminister alle Hebel für das dreijährige Kind in Bewegung setzte. Der Chefredakteur bezichtigte seine eigene Zeitung der Undankbarkeit und verfasste einen Leitartikel zum Lob der Gesundheitspolitik der Regierung. Drei Reporter und ein Redakteur, die für den Bericht verantwortlich waren, wurden gefeuert.

Ich denke, dieses Telefongespräch gibt eine Vorstellung davon, wie es in den Medien der Türkei zugeht. Doch ich möchte noch weitere Beispiele anführen: In einem anderen Mitschnitt ereifert Erdoğan sich über den Oppositionsführer, den er im Fernsehen reden sieht, und ruft erneut den "Regierungskommissar" des Senders an: "Fatih, also wirklich, euch ist gar nicht klar, was ihr da tut. Der Mann bringt ein Manifest zu Gehör, als sei die Türkei erledigt und am Ende, und ihr sendet das live!"

Auf diese "Beschwerde" hin wird die Livesendung aus dem Parlament unverzüglich unterbrochen. Der stellvertretende Vorsitzende der Gruppe ruft vor Angst gleich den Sohn des Premierministers an und bittet um Verzeihung. Folgende Sätze stammen aus diesem Telefonat: "Mein Chef (er meint Erdoğan) rief eben an, er sagte: 'Du bringst Bahçeli live.' Sag ihm doch bitte: Wenn (der staatliche Sender) TRT das bringt, dann bringen wir das auch. Mein Chef hat es offenbar bei uns gesehen, ich hab’s sofort unterbrochen. Hauptsache, er nimmt es sich nicht zu Herzen."

"Mein Chef" aber nimmt sich ständig etwas zu Herzen. Ein anderes Mal war er in Marokko, da ärgerte er sich darüber, dass die Worte des Oppositionsführers als Lauftext über dem Bildschirm liefen, die sollten entfernt werden. Auf einer Pressekonferenz fragte eines Tages ein beherzter Reporter nach derartigen Interventionen. "Ja, das habe ich gemacht", bestätigte Erdoğan, "denn sie beleidigen uns. Ich weiß nicht, was daran falsch sein soll, (den Leiter des Senders anzurufen und) das zu sagen."

Nachdem diese Telefonmitschnitte geleakt worden waren, wurde dem stellvertretenden Vorsitzenden der Mediengruppe, mit dem der Premier ständig sprach, der Name "Hallo Fatih" verpasst. "Hallo Fatih" wurde zum Symbol für eine Epoche der Repression gegen die Medien und zur Marke für ergebene Medienmanager, die aufstehen, wenn sie mit "Chefs" sprechen, und ihr Jackett zuknöpfen.

Vor den Wahlen hatte Erdoğan als Gegenleistung für Großausschreibungen Spenden bei Geschäftsleuten eingetrieben, die er als nahestehend empfand, und auf diesem Weg eine ihm eng verbundene Medienmacht aufgebaut. Diese Macht beauftragte er damit, ihn zu unterstützen und seine Gegner zu zermürben. Die Propagandakampagne funktionierte – an ähnliche von Goebbels erinnernd – hervorragend und öffnete Erdoğan, selbstverständlich neben einer Reihe weiterer Faktoren, die Türen zum Präsidentenpalast.