Wer fürchtet sich noch vor der FPÖ? Vermutlich bald niemand mehr. Die noch regierende Koalition hat ohnehin schon viele freiheitliche Positionen übernommen. Zum Beispiel in ihrer Haltung gegenüber der Türkei. Die neue Orientierung der Regierung in dieser Frage entspricht exakt der FPÖ-Linie: Die Türkei dürfe unter keinen Umständen der EU beitreten. Es ist noch gar nicht so lange her, da beabsichtigte die rot-schwarze Koalition, die Türkei zu Reformen zu motivieren, indem sie dem Land die Perspektive einer EU-Mitgliedschaft eröffnete. Das ist teilweise gelungen, wie die Abschaffung der Todesstrafe vor über zehn Jahren zeigt.

Nun ist alles anders: Die Wiener Regierung bezieht eine Position, die immer schon von der FPÖ vertreten wurde und im Widerspruch dazu steht, was vor Kurzem noch Regierungslinie war. Die Wirtschaft der Türkei sei nicht europareif? Darüber müsse, so die Regierung noch gestern, ernsthaft verhandelt werden. Demokratie und Rechtsstaat der Türkei entsprächen nicht dem EU-Standard? Dann müsse die Türkei sich diesen Standards eben anpassen. Dass die Türkei nicht europareif ist, wusste man. Dass sie aber europareif werden könnte und das nicht zuletzt der demokratischen Opposition in der Türkei nützen würde, diese Perspektive wird von Bundeskanzler Christian Kern und Außenminister Sebastian Kurz nun leichtfertig im populistischen Paarlauf aufgegeben.

Es könnte als ein Probegalopp für eine Dreierkoalition angesehen werden, wenn die Regierungsparteien heute in Sachen Türkei auf die Linie der FPÖ einschwenken. Aber dieser Regierungspopulismus ist natürlich nur der Versuch, die Freiheitlichen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen – und das im regierungsinternen Wettstreit: Wer schafft es noch besser, türkische Regierungsvertreter zu provozieren? Wer kann noch naiver vorgeben, lautstarke Kritik aus Wien an einer Einschränkung der Demokratie könnte die Regierung in Ankara beeinflussen? Wer kann die verbale Aggressionen türkischer Nationalisten noch wirksamer auf sich ziehen? Das macht sich besonders in Wiener Boulevardmedien gut. Den eigentlichen Opfern, der Opposition in der Türkei, nützt diese Politik natürlich nichts. Aber um die Demokratie in der Türkei geht es ja nicht. Es geht um österreichische Innenpolitik.

Die autoritären Ambitionen des neuen Sultans in Ankara wortgewaltig anzuprangern ist allzu billig. Es kostet nichts, das Ende der Beitrittsverhandlungen zu fordern. Die stecken ohnehin in einer Endlosschleife. Alle wissen, dass eine tatsächliche Beitrittsoption in sehr weiter Ferne liegt – wenn sie aus realistischer Sicht überhaupt besteht. Kern und Kurz rennen in innenpolitischer Popularitätshascherei Türen ein, die ohnehin sperrangelweit offen stehen. Denn die Politik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan nimmt bewusst in Kauf, dass die Verhandlungen mit der EU in ein politisches Nirwana führen. Die einzige Frage, die sich ihm stellt, ist nur, wem er die Schuld am faktischen Scheitern in die Schuhe schieben kann. Und es liegt in seinem Interesse, wenn es ihm gelingt, die Verantwortung Europa zuzuschreiben. In diesem Sinne spielen Christian Kern und Sebastian Kurz eine Nebenrolle in der türkischen Regierungspolitik. Sie sind Erdoğans nützliche Idioten.

Von diesem halbstarken Poltern wollen Kern und Kurz auch innenpolitisch profitieren. Sie nutzen eine im Land herrschende Stimmung aus, bei der tatsächliche Empörung über die autoritäre Politik des türkischen Präsidenten auf Fremden- und Flüchtlingsfeindlichkeit trifft.

Außenpolitisch macht die Kampfrhetorik freilich keinen Sinn. Das zeigt die Reaktion innerhalb der EU: Kern und Kurz provozieren beim sozialdemokratischen Außenminister Deutschlands ebenso wie beim christdemokratischen Präsidenten der Kommission missbilligendes Stirnrunzeln. Zustimmung gibt es für beide aus der CSU. Die Bayern, das ist aber deutsche Innenpolitik, instrumentalisieren Kern und Kurz lediglich gegen Angela Merkel. Auf diese Leistung können der Kanzler und sein Außenminister wirklich stolz sein.

In der internationalen Politik ist es ein Merkmal realer Macht, Außenpolitik vor allem aus innenpolitischem Kalkül zu betreiben. Große Staaten können sich das leisten. Österreich ist allerdings keine Großmacht. Doch offenkundig machen die beiden Regierungsparteien zunehmend innenpolitische Überlegungen zur Richtschnur ihrer Europapolitik; zu einer Politik, die es eigentlich nicht mehr verdient, "europäisch" genannt zu werden. Außenpolitik als innenpolitischer Reflex eines kleinen Staates: In anderen Bereichen menschlicher Kommunikation wird das irgendwo zwischen Großmannssucht und Größenwahn eingeordnet.

Tatsächlich entspringt das gefährliche Kalkül einer Fehleinschätzung. Kern und Kurz wollen Strache überflüssig machen. Am Ende könnte allerdings nicht mehr erkennbar sein, worin sich diese Regierungsparteien von der FPÖ unterscheiden. Und dann ist es wirklich gleichgültig, wer regiert.