Was Talent ist, zeigte ein kleines blondes Mädchen 1978 – es war neun Jahre alt und rannte, schlug und zielte wie kein anderes. Sprint, Ausdauer, Koordination, es konnte alles. Fünf Jahre lang wurde es für eine Talentstudie immer wieder getestet. Die Heidelberger Forscher prophezeiten dem Kind eine große Zukunft – und hatten recht. Sein Name stand 377 Wochen lang auf der Tennisweltrangliste ganz oben: Steffi Graf.

Was Talent ist, kann man sehen, wenn Dennis Kimetto läuft. 1,71 Meter groß, 55 Kilogramm schwer, mehr als 180 Schritte pro Minute, 2:54 Minuten pro Kilometer – 42-mal hintereinander. Zwei Stunden, zwei Minuten und 57 Sekunden brauchte er für den Berlin-Marathon 2014. Und für den Weltrekord.

Was Talent ist und wie viel man davon hat, kann heute jeder für 80 Euro herausfinden: indem er sich ein Wattestäbchen in den Mund schiebt, es eintütet und an einen von mehr als 40 kommerziellen Gentest-Anbietern schickt. Schon heute lassen ehrgeizige Eltern ihre Kinder auf "Sportgene" testen. In der Hoffnung, möglichst früh die Sportart zu erkennen, in der das Kind erfolgreich werden könnte – und reich.

Steffi Graf und Dennis Kimetto sind Beispiele für extremes Sporttalent, nach der landläufigen Definition jedenfalls – eine einheitliche wissenschaftliche existiert nämlich nicht. Talent wird in der Regel schlicht an der Leistung in Relation zum Trainingsalter gemessen. Doch die wird von vielen Faktoren beeinflusst: Sozialisation, Motivation, Fleiß. Weitgehend anerkannt ist die 10.000-Stunden-Regel. Wer so viel Zeit investiert – zehn Jahre lang durchschnittlich mehr als 19 Stunden Training pro Woche – kann es an die Spitze schaffen. Ein Garant ist das aber nicht, wie Forscher von der Universität Princeton in einer Metaanalyse von 88 Studien feststellten: Langjähriges Training ist demnach nur zu 18 Prozent für die Varianz des Erfolgs von Topathleten verantwortlich. Es muss also einen anderen, sehr machtvollen Einflussfaktor geben: Sind am Ende die Gene entscheidend?

Im Fall von Dennis Kimetto sind sie es, das kann man mit Sicherheit sagen. Als er anfing, systematisch zu trainieren, war er 24 Jahre alt. Nach vier Jahren holte er sich den 25-Kilometer-, nach sechs Jahren den Marathonweltrekord. Kimetto gehört zur Volksgruppe der Kalenjin. Wie etwa 3,5 Millionen andere Menschen. Seit 1980 haben Kalenjin rund 40 Prozent aller wichtigen Langstreckenrennen gewonnen. Bis heute sind 17 US-Amerikaner den Marathon in unter 2:10 Stunden gelaufen. Allein im Oktober 2011 waren 32 Kalenjin schneller. Der Unterstamm der Nandi ist besonders erfolgreich. Nur eine Million Menschen gehören ihm an. Doch Nandi haben seit 1990 mehr internationale Langdistanzmedaillen gewonnen als alle europäischen Läufer zusammen.

Die meisten dieser Athleten stammen aus dem kenianischen Hochland, viele aus dem auf mehr als 2.000 Metern Höhe gelegenen Rift Valley. Lange ging man deshalb davon aus, dass ihr Erfolgsgeheimnis in permanentem Höhentraining bestehe: Wer in der Höhe trainiert, bildet mehr rote Blutkörperchen, kann deshalb mehr Sauerstoff aufnehmen und mehr leisten. Doch viel spricht dafür, dass die Dominanz andere Gründe hat. Zum Beispiel die Ergebnisse mehrerer Studien der Universität Kopenhagen: Die Forscher verglichen Kalenjin mit gleichaltrigen dänischen Jungen und fanden keine Unterschiede in der maximalen Sauerstoffaufnahme und den Effekten eines Trainingsprogramms. Und bei erwachsenen Läufern unterschieden sich weder die Zahl noch die Zusammensetzung der Muskelfasern. Die Kalenjin besaßen jedoch eine höhere Konzentration eines Enzyms, das den Milchsäureabbau beschleunigen kann. Das hilft, Muskeln lange leistungsfähig zu halten.

Doch der Bereich, in dem die entscheidenden Unterschiede gefunden wurden, war der Körperbau. Die Ostafrikaner waren durchschnittlich sechs Zentimeter kleiner, ihre Beine aber fast zwei Zentimeter länger und das Volumen ihrer Unterschenkel zwischen 15 und 17 Prozent geringer. Dies ist ein extremer Vorteil beim Laufen: Die Kalenjin-Läufer mussten dort durchschnittlich rund 400 Gramm weniger bewegen – und sparten damit acht Prozent Energie pro Kilometer.

Für David Epstein ist das ein klarer Fall: Dies sei das Ergebnis einer Evolution hin zum geborenen Läufer, meint der Autor des Buches The Sports Gene. Die Kalenjin lebten jahrhundertelang als Viehhirten – und als Viehdiebe. In dieser Zeit könnte eine Selektion der besten Läufer stattgefunden haben.

Erfolg im Sport ist also nicht nur erarbeitet, sondern auch ererbt. Allein die für Ausdauersportarten so wichtige maximale Sauerstoffaufnahme ist den meisten Studien zufolge zu rund 50 Prozent genetisch festgelegt. Die Körpergröße liegt zu bis zu 80 Prozent, der Body-Mass-Index zu 30 bis 50, die Muskelkraft und die maximale Sauerstoffaufnahme zu rund 50 Prozent in den Genen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg ist damit offenkundig: den zur Sportart passenden Körperbau zu haben.

Warum sind schwarze Läufer Weltklasse – schwarze Schwimmer aber nicht?

Darin steckt wohl auch die Antwort auf die Frage, warum es fast keine dunkelhäutigen Weltklasseschwimmer gibt: Bei dunkelhäutigen Erwachsenen liegt der Körperschwerpunkt durchschnittlich um drei Prozent höher als bei gleich großen Weißen, ergab eine Studie von Forschern der Duke University. Beim Laufen führe dies zu einer um 1,5 Prozent höheren, beim Schwimmen aber zu einer um 1,5 Prozent niedrigeren Geschwindigkeit.

Und auch ob jemand eher über Lang- oder Kurzdistanzen erfolgreich ist, lässt sich weitgehend mit den Genen erklären. Schnelligkeit ist weniger gut trainierbar als Ausdauer. Denn die Zahl der weißen Muskelfasern, die für schnelle Bewegungen zuständig sind, ist vor allem genetisch bestimmt. Dass langsam arbeitende Fasern durch Training in schnell kontrahierende umgewandelt werden können, wurde nie eindeutig bewiesen. Afrika bietet ein anschauliches Beispiel: Durch den Kontinent zieht sich eine klare Grenze, die besten Langstreckenläufer der Welt haben ihre Wurzeln im Osten des Kontinents, die besten Sprinter im Westen. 1972 gewann zum letzten Mal ein nicht dunkelhäutiger Sprinter Olympiagold über 100 Meter (wenn man die von vielen Ländern boykottierten Spiele 1980 ausnimmt). In der Weltbestenliste stehen zwar US-Amerikaner, Kanadier, Jamaikaner – doch so gut wie jeder der 100 schnellsten Männer der Welt hat westafrikanische Wurzeln. Einer der Gründe dafür könnte ACTN3 sein, das "Sprinter-Gen". Nur rund 50 Prozent der Europäer tragen eine bestimmte Variante, das 577R-Allel, aber 85 Prozent der Afrikaner – und fast jeder je getestete männliche Topsprinter.