Vor zwei Jahren habe ich zusammen mit einem Dutzend Kollegen aus Journalismus und Zivilgesellschaft einen Jobwechsel beschlossen. Wir entschieden uns für einen Beruf, dem man wie keinem anderen in der Ukraine misstraut, der wie kein anderer in der Kritik steht und der (zumindest offiziell) zu den am schlechtesten bezahlten Jobs zählt – den Beruf des Politikers. Wir hatten Zweifel, aber nach dem Euromaidan stand unser Entschluss fest: Wir wollten ins Parlament. Wie hat Gandhi gesagt: "Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt."

Wir haben endlich die Reform der Antikorruptionsgesetze vorangetrieben, aber von innen, aus dem System heraus. Und tatsächlich haben einige Dinge sehr gut funktioniert. In den vergangenen zwei Jahren hat das Parlament zahlreiche umwälzende Gesetze gegen Korruption verabschiedet, darunter die Einführung eines öffentlichen Auftragswesens über das Internet, Gesetze zur Informationsfreiheit und zur staatlichen Finanzierung der Parteien. Politiker und Staatsdiener müssen ihre Vermögensverhältnisse offenlegen, und auf dem Erdgasmarkt gelten neue Bestimmungen. Aber wir haben uns hohe Ziele gesteckt, und diese Gesetze sind nur der erste Schritt. Am Ende soll ein moderner Staat stehen, der gegenüber seinen Bürgern Rechenschaft ablegt.

Wissenschaftler erinnern uns gern daran, dass oftmals diejenigen Staaten, die die meisten Gesetze verabschieden, am korruptesten sind. Maßstab sollte nicht die Zahl der verabschiedeten Gesetze sein, sondern das Ergebnis objektiver Untersuchungen zu Machtmissbrauch und Geldwäsche. Selbst ein oberflächlicher Beobachter würde in diesem Fall feststellen, dass wir das Erbe des alten Systems nicht abschütteln konnten, in dem eine Handvoll der reichsten Menschen des Landes alle Entscheidungen fällte.

Diese Analyse führte uns zu einer einfachen Schlussfolgerung: Wir müssen die Energie des Euromaidans institutionalisieren, neue Grundsätze und Werte schaffen. Der Geldfluss muss transparent sein. Entscheidungsprozesse müssen transparent sein. Die politische Kultur muss von der Basis ausgehen. Jetzt sitzen wir im Parlament, sind aber für die alten Parteien, die uns anboten, auf ihren Listen zu kandidieren, noch immer Unruhestifter. Wir wollen Entscheider werden. Möglich ist das nur, wenn wir neue Generationen in die Politik holen: Menschen ohne Leichen im Keller.

Während des Euromaidans fehlte es an Zeit, Mitteln und der Bereitschaft, sich mit vereinten Kräften zur Wahl zu stellen. Diese Prozesse steuern nun auf ihren Höhepunkt zu. Diverse Parlamentarier sowie bekannte Politiker und öffentliche Personen haben sich unserer Partei Demokratisches Bündnis angeschlossen. Sie ist als Plattform für alle postrevolutionären europäischen Kräfte der Ukraine gedacht. Besonders bemerkenswert: Es sind bekannte ehemalige Journalisten dabei wie Mustafa Najem (der mit seinem Facebook-Eintrag den Euromaidan lostrat) und Sergej Leschtschenko, einer der bekanntesten Enthüllungsjournalisten des Landes und heutzutage Aktivist gegen die Korruption.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 18.8.2016.

Die neue politische Bewegung hat angekündigt, innerhalb der nächsten vier Monate die regionalen Verbände neu aufzustellen, und zwar mit mehr jüngeren Menschen. Sie wird mit Experten ein Parteiprogramm erarbeiten. Das mag banal klingen, aber tatsächlich "bestellen" die meisten Parteien in der Ukraine ihr Parteiprogramm bei einer Beraterfirma. Und last, but not least: Die Partei macht nicht nur Versprechungen, sie lebt auch einen fairen Umgang mit Geld.

Eine vertrauenswürdigere Botschaft können junge Politiker der enttäuschten ukrainischen Wählerschaft wohl nicht zeigen, denn die hat sich zu oft schöne, aber folgenlose Erklärungen anhören müssen. Seit Jahren – zunächst als Bürgerrechtsbewegung, jetzt als eingetragene politische Partei – stellt das Demokratische Bündnis seine Parteispenden und seine Ausgaben online und übererfüllt damit die Anforderungen der aktuellen Gesetzgebung.

Diese neuen Regeln für den Aufbau einer Partei sind extrem wichtig, reichen aber noch immer nicht aus. Die wahre Herausforderung besteht darin, das Land zu verändern und sich gleichzeitig auch allen Schwierigkeiten zu stellen.

Internationale Institutionen und das globale Sicherheitssystem stehen heute so stark unter Druck wie seit Jahrzehnten nicht mehr – die Angriffe des IS, die Migrationskrise, Russlands territoriale Gelüste, wachsender Populismus, der Aufstieg ultrarechter Kräfte in Europa. Der UN-Sicherheitsrat und die OSZE sind durch Russlands Veto blockiert. Europarat und Europäische Union machen schwierige Zeiten durch. Und in der Ukraine laufen alle geopolitischen Konfliktlinien zusammen. Vergessen wir nicht, dass das Land in der schwersten Wirtschaftskrise seit Beginn seiner Unabhängigkeit steckt. Die ukrainische Bevölkerung will Antworten auf diese Fragen haben. Es ist wahrlich nicht der einfachste Zeitpunkt, Köpfe und Herzen der Menschen zu gewinnen, aber es ist definitiv einen Versuch wert.

Konrad Adenauer sagte, die Weltgeschichte sei auch Summe dessen, was vermeidbar gewesen wäre. Nach zwei Revolutionen in der Ukraine haben wir allerdings die Lektion gelernt, dass wir nicht Angst vor Fehlern haben sollten, sondern vielmehr davor, dass wir uns die Geschichte aus der Hand nehmen lassen.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz