"Weniger hilft Meer." Mit diesem kleinen Kalauer wirbt die Supermarktkette Rewe derzeit für ihren erklärten Abschied von der Plastiktüte. In der Anzeigenkampagne tragen fröhliche Kunden ihren Einkauf im Stoffbeutel oder im Pappkarton nach Hause. Ein Experte erklärt, wie sehr langlebige Kunststoffpartikel den Gewässern schaden. Es ist kein Geringerer als Olaf Tschimpke, der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Und mancher Kunde stutzt: Wieso gibt der sich für Werbung her?

Denn einerseits ist es natürlich großartig, wenn ein Umweltverband Deutschlands zweitgrößten Lebensmittelhändler dazu treibt, den Einweg-Exzess zu beenden. Und das ist nur eines der gemeinsamen Projekte. Schon seit 2009 erklären die ungleichen Partner, sie wollten im Supermarkt mehr Rücksicht auf Natur und Klima durchsetzen.

Andererseits: Sollten die Ökos nicht lieber von außen Kontrolle und Druck ausüben, statt Seite an Seite mit dem Händler Reklame zu machen? Schließlich gelten die Naturschutzverbände, überhaupt die Nichtregierungsorganisationen (NGOs), als die Guten, als jene, die Wirtschaft und Politik auf die Finger schauen. Können sie noch glaubwürdige Wächter des Gemeinwohls sein, wenn sie "strategische Partnerschaften" mit Großunternehmen eingehen? Wer beeinflusst, wer instrumentalisiert hier wen? Und mit welchem Erfolg?

Diese Fragen berühren weit mehr als nur einen internen Konflikt zwischen ein paar Ökos. Welche Rolle sollen NGOs in der Zivilgesellschaft spielen? Wie verändert man effektiv die Welt, ohne die eigene Haltung aufzugeben? Und welche Verantwortung muss die Wirtschaft selbst übernehmen?

Seit die Weltgemeinschaft im vergangenen Herbst die Sustainable Development Goals beschloss, ist Nachhaltigkeit vom Nischen-Ethos zur globalen Verpflichtung aufgestiegen. Konzernen und Großunternehmen dämmert schon länger: Das Thema gehört auf die Agenda. Zumal selbst Investoren und Aktionäre vermehrt darauf achten, dass ihr Geld zukunftsfähig angelegt ist. Da liegt es nahe, sich nachhaltiges Know-how zu kaufen oder schlicht mit den Guten zu kooperieren.

Der Abschied von der Tüte könnte bei Rewe mehr Nachhaltigkeit bringen. Im Fall eines anderen Nabu-Partners war der Erfolg offenkundig gering. 15 Jahre Partnerschaft mit Volkswagen – und dann: Dieselgate! Geschockt ließen Olaf Tschimpke und seine Mitarbeiter den Vertrag mit den Wolfsburgern platzen. Zugleich geriet die Grundidee ins Wanken, die hinter solchen Kooperationen steht: die Theorie vom "Riesenhebel".

Ihr zufolge kommt die Nachhaltigkeit am besten voran, wenn grüne Pioniere die Wirtschaft gemeinsam mit den Großkonzernen umbauen. Denn Rewe oder VW, Nestlé, Tchibo oder H&M beeinflussen globale Ressourcen- und Verarbeitungsketten vom Acker bis zum Supermarktregal. "Unternehmen sind Teil der Gesellschaft", meint Nabu-Chef Tschimpke. "Sie für den Natur- und Umweltschutz zu sensibilisieren und damit ihre Kulturen in Richtung einer größeren Nachhaltigkeit zu lenken ist eine wichtige Schlüsselaufgabe."

Zu den Verfechtern dieser Hebeltheorie gehören neben NGOs und Verbänden auch grüne Denkfabriken und Forschungsinstitute. Sie debattieren gegenwärtig intensiv darüber, wann solche Kooperationen gute Kompromisse bringen und wann Kompromittierung droht.