Zu Hause in Regensburg begegnen sie mir täglich: amerikanische Kreuzfahrttouristen, die sich über die Steinerne Brücke schieben, den bunten Fahnen ihrer Stadtführer hinterher. Alte Menschen aus der Neuen Welt mit Cowboyhüten und verspiegelten Sonnenbrillen, die Shorts zu weit hochgezogen, mit weißen Socken in den Turnschuhen. Dem Audioguide lauschend, ziehen sie durch die Gassen der Altstadt, taub für das Klingeln genervter Radfahrer. Wie Besucher von einem fremden Planeten, die man für ein paar Stunden hier ausgesetzt hat.

Ihre Raumschiffe liegen in Zweierreihen am Kai vorm Kindergarten meiner Tochter: luxuriöse Flusskreuzer mit Panoramarestaurants und Minigolfplätzen auf dem Sonnendeck. Mit Mühe erkennt man durch die verspiegelten Fenster Lounge-Sessel und nobel gedeckte Esstische. "Private Ship", steht an den Aufgängen, "No guests allowed".

"Die Kreuzfahrt-Riesen nerven alle", titelt die Mittelbayerische Zeitung. Die Ladenbesitzer in meiner Nachbarschaft diskutieren schon, ob sie Eintritt nehmen sollen, weil alle immer nur schauen, nichts kaufen. Aber mich faszinieren diese Kreuzfahrergruppen. Geschlossene Gesellschaften, die durch Deutschland treiben. Was geht vor an Bord dieser Schiffe? Sind die Passagiere wirklich so apathisch, wie sie bei den Landgängen wirken? Was ist das für ein Deutschland, das sie aus ihren schwimmenden Hotels zu sehen bekommen? Um das herauszufinden, werde ich sie begleiten. Vier Tage lang die Donau hinunter, von Nürnberg bis kurz hinter die österreichische Grenze, als einziger Deutscher an Bord.

Die Buswendeschleifen am Personenschiffshafen Nürnberg sind frisch geteert, die Hügel gerade erst besät. Der neue Hafen wurde ein paar Tage zuvor eingeweiht, er war überfällig: Vor 20 Jahren legten hier noch 85 Schiffe an; vor zehn Jahren waren es 439; für dieses Jahr erwartet man 1140. Mein Schiff, die Avalon Illumination, liegt am Ende des zwei Kilometer langen Kais. An der gläsernen Eingangstür fordert ein Schild: Beim Betreten bitte Hände desinfizieren. Im Foyer ist es arschkalt. Typisch Amis, denke ich: Klimaanlagen und Angst vor Keimen.

Kurz nach mir treffen die anderen 132 Passagiere ein. Sie steigen aus drei weißen Bussen, strecken sich, stützen sich aufs Geländer der Gangway. Die meisten, so steht es auf der Passagierliste, kommen aus den USA und Kanada, dazu ein paar Australier, Neuseeländer, Briten. Sie haben die Europareise "Legendary Danube" gebucht: drei Tage Prag, dann sieben Nächte auf dem Schiff, von Nürnberg über Roth, Regensburg und Passau weiter nach Wien und dann bis Budapest.

Nach dem Ablegen steigt der Willkommensempfang in der Panorama-Lounge, dem Wohnzimmer des Schiffs. Die Gäste lehnen sich in den Sesseln zurück und stoßen an, die Crew läuft zu Zirkusmusik ein und stellt sich vor: der tschechische Kapitän, der rumänische Cruise Director, der serbische Chefkoch. "Wir haben auch ein Gym", sagt der englische Hotelmanager, "aber da hab ich noch nie jemanden gesehen. Sie können ruhig die Plastikfolie von den Geräten nehmen." Fröhliches Gelächter, die Kellnerinnen servieren die zweite Runde Sekt. Ich bin überrascht: Es geht viel lustiger zu, als ich dachte. Warum nur wirken die Gruppen an Land so abwesend und träge?

Am nächsten Morgen liegen wir im Gewerbegebiet von Roth, an dem einen Ufer zerfurchter Kiefernwald, am anderen graue Lagerhallen und Schuttberge. Auf dem Parkplatz warten fünf Busse, wir haben die Wahl zwischen drei Exkursionen: ein Ausflug in die Stadt Roth; eine Besichtigung des Dokumentationszentrums auf dem Reichsparteitagsgelände; Sightseeing in Nürnberg. Ich schließe mich der Mehrheit an und steige in einen der drei Busse nach Nürnberg. Den mit dem roten Schild, passend zum rot markierten Audiogerät, das ich mir im Foyer gegriffen habe.

Die Stadtführerin trägt Tracht, ihr Unterhaltungswert hält sich in Grenzen. Die meisten Häuser, erzählt sie auf der Fahrt, seien ziemlich hässlich, nach dem Krieg sei nicht viel von Nürnberg übrig geblieben. Ich blicke auf abgasgraue Sechzigerjahrebauten und drehe die Stimme in meinem Ohr immer leiser. "Dort drüben ist das Bürogebäude einer Krankenkasse", "Hier am Straßenrand sehen Sie Bäume und Büsche", "Da hinten in der Ferne, noch einmal der Hauptbahnhof". Wäre ich Amerikaner, wäre das ein ziemlich fader erster Eindruck.

Wir fahren dreimal um den Block, nach einer Stunde stolpere ich mit den anderen auf den Parkplatz hinter der Nürnberger Burg. Das Klingeln nehme ich erst wahr, als der Radfahrer schon abgestiegen ist. Einige meiner Mitreisenden brauchen dringend eine Toilette. Zum WC-Häuschen im Burghof sind es vielleicht zweihundert Schritte bei moderater Steigung. "What a climb!", keucht einer, der Zufußgehen offenbar nicht gewöhnt ist. Von der Burg sehen wir dann nur einen kleinen Teil. Nach zwanzig Minuten sind wir zurück auf dem Parkplatz.