Integration funktioniert in Basel per Mausklick. Es ist ein Montagmorgen im Februar, kurz nach halb elf. Ich sitze in einer grauen Kabine im Einwohneramt, neben mir eine Mitarbeiterin der Stadt. Sie klickt auf ihren Bildschirm und bittet ihren nächsten Kunden hinein. Eine kleine Frau mit dunkler Haut und langen schwarzen Haaren öffnet die Türe. Sie tritt ein, hängt die violette Winterjacke über den Stuhl und setzt sich. Aus dem Rucksack nimmt sie ihre Unterlagen hervor, alle fein säuberlich geordnet, und reicht sie der Beamtin, die vor ihr sitzt. Einen Arbeitsvertrag und einen indischen Pass, ausgestellt auf den Namen: Nivedya Swarnalekha. Die Mitarbeiterin prüft die Dokumente, lächelt, bittet die Frau um Fingerabdrücke und schießt ein Foto, für die Aufenthaltsbewilligung.

Kurz nach 13 Uhr ruft ein Mitarbeiter der Nachmittagsschicht seinen ersten Kunden auf. Schritte nähern sich, in den engen Raum tritt ein groß gewachsener blonder Mann. Er begrüßt uns freundlich, streckt mir die Hand entgegen. Als er sich hinsetzt, blitzen bunte Socken zwischen eleganten Lederschuhen und dunklen Hosen hervor. Den Wintermantel trägt er offen. Aus seiner Tasche zieht er ein Bündel Blätter. Sein Name: Nico van Os, seine Nationalität: niederländisch.

35 Prozent aller Menschen, die in Basel wohnen, haben einen ausländischen Pass. So viele, wie sonst nirgendwo in der Deutschschweiz. Umso wichtiger ist den Einheimischen, dass sich die Fremden möglichst gut und möglichst schnell in ihrer neuen Heimat integrieren. Nur, wir gelingt das am besten?

In Basel beschäftigen sich die Behörden seit zwanzig Jahren mit dieser Frage. Der Kanton gilt landesweit als einer der fortschrittlichsten, wenn es um Ausländerfragen geht. Seit 2008 hat er ein eigenes Integrationsgesetz. Darin steht: "Die Migranten sind verpflichtet, sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und Lebensbedingungen auseinanderzusetzen und sich die dafür notwendigen Sprachkenntnisse anzueignen."

Der SVP war das zu wenig. 2012 forderte sie mit einer Initiative, dass möglichst alle Neu-Basler eine sogenannte Integrationsvereinbarung unterschreiben sollen. Einen Vertrag also, in dem festgehalten wird: Nur, wer Deutsch lernt oder sich um eine Arbeit bemüht, kann damit rechnen, dass ihm die Aufenthaltsbewilligung verlängert wird.

Das Volksbegehren sorgte weit über die Kantonsgrenzen hinaus für Diskussionen. Sie drehten sich um die Frage: Darf der Staat seine ausländischen Einwohner zur Anpassung zwingen – und kann er das überhaupt?

Nur sehr bedingt, meinte die linke Basler Regierung. Mit der Initiative würden nur 15 Prozent der Zuwanderer erreicht. In vielen Fällen widerspreche ein Integrationszwang übergeordnetem Recht. Wer als Bürger eines EU-Landes in der Schweiz lebe, dürfe nicht weggewiesen werden, bloß weil er sich hier schlecht integriere. Die Personenfreizügigkeit gilt auch für ausländische Eigenbrötler.

Also präsentierte der grüne Stadtpräsident Guy Morin den Baslern einen Gegenvorschlag: Alle Zuwanderer sollen erstens persönlich begrüßt werden, wenn sie in seiner Stadt ankommen. Zweitens: Basel-Stadt schenkt seinen Neuzuzügern fortan Gutscheine für Deutschkurse. Drittens: All jene Migranten, die möglicherweise allzu isoliert unter ihren 165.000 Mitbürgern leben, sollen ein halbes Jahr nach der Ankunft zu einem Gespräch aufs Amt geladen werden. Das gilt vor allem für Ehefrauen und Ehemänner, die als Familiennachzug in die Schweiz kommen. Eine Integrationsvereinbarung soll aber nur unterschreiben, wer sich nicht integriert, also arbeitslos ist, sich verschuldet, Sozialhilfe bezieht.

Im November 2014 stimmten die Basler dem Gegenvorschlag der Regierung zu – und lehnten die Initiative der SVP ab.

Zu diesem Zeitpunkt wussten weder die Inderin Nivedya Swarnalekha, noch Nico von Os, der Niederländer, dass auch sie einige Monate später zur Integration verpflichtet werden sollten. Beide lebten damals weit weg von der Schweiz: sie in Indien, er in Singapur.

In Basel begannen die Mitarbeiter des Einwohneramtes schon ein halbes Jahr nach der Abstimmung, im Mai 2015, damit, die neuen Paragrafen des Integrationsgesetzes anzuwenden. Von nun an hießen sie Neuzuzüger gemäß § 7a Abs. 1 willkommen.

Im Rahmen eines individuellen Begrüßungsgesprächs erhalten zuziehende Migrantinnen und Migranten, die sich persönlich beim Einwohneramt anmelden, die Informationen gemäß § 7 Abs. 1.

In den Kabinen im Einwohneramt erklären die Mitarbeiter ihren Kunden also: wann die Müllabfuhr kommt. Warum eine Krankenversicherung in der Schweiz obligatorisch ist. Dass der Briefkasten beschriftet sein muss. Und sie überreichen den neuen Mitbewohnern Gutscheine für eine Packung Jodtabletten. Einzulösen in jeder Apotheke. Einzunehmen, falls die Atommeiler im nahen Fessenheim, in Gösgen oder in Beznau schmelzen sollten. Die Gespräche dauern eine Viertelstunde, manchmal ein bisschen länger. Sie sollen so individuell wie möglich verlaufen.