Das Beste an Ingolstadt, so hieß es in meiner Jugend, sei die Autobahn nach München. Die A 9 führte fort aus einer bayerisch-konservativen Enge, in der man "Grüß Gott" sagen musste, wenn man beim Bäcker freundlich bedient werden wollte. Wo Frauen nach der Geburt des ersten Kindes natürlich zu Hause blieben. Wo berufliche Zukunft sich "Audi" buchstabierte wie der Name der VW-Tochter, die auch heute noch fast die Hälfte aller Berufstätigen hier beschäftigt.

Inzwischen landet Ingolstadt in Städterankings zur Lebensqualität regelmäßig weit vorn. Warum bloß, werden Sie sich fragen, wenn Sie auf der erwähnten Autobahn vom Münchner Flughafen kommen und der erste Blick auf die Stadt hässliche Raffinerieschlote offenbart. Und wenn Sie vielleicht, wie viele Saudis, Chinesen oder Japaner, nur zum Outlet-Center "Ingolstadt Village" am Ortsrand unterwegs sind.

Aber trauen Sie ruhig dem Hinweisschild "Historische Altstadt", und kehren Sie ein hinter den Mauern, die Mary Shelley zu ihrem Roman Frankenstein inspirierten. Oh ja, Victor Frankenstein schuf seinen künstlichen Menschen an der Universität Ingolstadt. Die war bereits 1472 als erste bayerische Universität gegründet worden und bald weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt.

Die "Hohe Schule" in Schlafjäckchen-Rosa steht noch heute im schönsten, westlichen Teil der Altstadt. Dort sollten Sie Ihren Spaziergang auch beginnen, um sich dann bis zum Paradeplatz und dem Neuen Schloss hochzuarbeiten und anschließend über den Fußgängersteg auf das gegenüberliegende Donauufer in den Klenze-Park zu wechseln.

Sie begegnen nicht nur dem imposanten Münster, ebenfalls in der Blüte des 15. Jahrhunderts begonnen, sondern entlang der Theresienstraße und in den Seitengassen auch einer Reihe von barocken Patrizierhäusern, in denen einst die Herren Professoren mit ihren Familien wohnten. Wenn die Sonne auf die pastellfarbenen Fassaden scheint, fühlen sich manche Besucher tatsächlich an Italien erinnert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 25.8.2016.

Aus der Frankenstein-Geschichte haben die Kulturbeauftragten der Moderne eine etwas krawallige Geisterbahn-Führung gemacht. Wenn das nicht Ihrem Geschmack entspricht, sind Sie in der Alten Anatomie besser aufgehoben, die heute das Deutsche Medizinhistorische Museum beherbergt. Die dort ausgestellten Zangen der Bader oder Utensilien zum Aderlass sind schaurig genug.

Wundern Sie sich nicht, wenn auch neben Baudenkmälern Autos parken. Bayerische Fürsten haben Ingolstadt als Landesfestung zwar schon Bedeutung beigemessen, lange bevor ein gewisser August Horch seinen Nachnamen ins Lateinische übersetzte und eine Fahrzeugfabrik nach ihm benannte. Aber Sie sind nun mal in einer Autostadt. Mögen einige wenige von einer autofreien Innenstadt träumen. Für die meisten Bürger glänzte das Blech der Karosserien in den freundlichsten Farben. Vieles hier ist nur möglich, weil Ingolstadt sein Schicksal eng mit der erfolgreichen VW-Tochter verknüpft hat: Vollbeschäftigung, eine gut gefüllte Steuerkasse, das Sponsoring kultureller Großereignisse, sogar der Aufstieg des FC Ingolstadt in die erste Bundesliga. Natürlich spielt der Verein im neuen Audi-Sportpark.

Deshalb hielten viele im vergangenen Herbst die Luft an, als der VW-Dieselskandal auch an die Donauufer schwappte. Wer die Macht dieser Schicksalsgemeinschaft erahnen will, tut das am besten im Güterverkehrszentrum (GVZ). Nördlich des Stadtzentrums, nahtlos übergehend in ein Wohnviertel (nicht das vornehmste, wohl wahr), erstrecken sich auf einer Fläche von 170 Fußballfeldern das Audi-Werksgelände und das dazugehörige GVZ. Es ist eine Stadt in der Stadt, Halle an Halle über viele Kilometer, in der Zulieferer und Transporteure mit dem großen Auftraggeber leben und arbeiten. Die Mitarbeiter kommen oft von weither.

Sie dürfen nun auch mit einem "Guten Tag" oder "good morning" grüßen. Aber wenn man freundlich "Grüß Gott" sagt, dann sind die Brötchen – pardon, Semmeln! – noch immer ein bisschen weicher.