Bayreuth, endlich erreiche ich den Ort meiner Sehnsucht. Von nichts habe ich so lange geträumt wie davon, diesen altehrwürdigen Boden unter meinen Flipflops brennen zu spüren wie glühende Kohlen, mich der Geniewelt Wagners hinzugeben und in die sakralen Sphären germanischer Mythen einzutauchen wie ein Frosch. Ich habe Karten für die Bayreuther Festspiele und bin endlich da, wo ich immer sein wollte. Vor drei Jahren noch abgeranzte Punklokale, miese Gagen und billiger Wein, heute Bachmannpreis, ausverkaufte Hallen und Großbürgertum. Die Jahre der Lust sind vorbei, es beginnen die Jahre der Macht. In der kommenden Woche darf ich mich von den epischen Opernwerken vier Stunden täglich durchprügeln lassen. Der gesamte Ring der Nibelungen . Wotan, Brünnhilde, Siegfried, Gandalf, Frodo, Hagen, Walhall – allein die Lautmalerei der Namen jagt mir einen Schauer über den Rücken, mein Anus fröstelt. Es ist der Klang grobschlächtiger, schwerterschwingender Krieger mit Schuhgröße 55, der Sound sehniger Arme und wippender Brüste mit Warzen wie Schleifsteinen. Ein Gefühl wie ein Steinhammer auf die Großhirnrinde. Für den Österreicher, untersetzt, mit kleinen, verschlagenen Augen, meistens erkennbar an der bäuerlichen Vogelnase und einem kleinen Buckel, hatte das Germanenvolk immer etwas Beeindruckendes. Das Begehren einer völkischen Verortung nahe der nordischen Herrenrasse ist ihm seit Jahrhunderten eingeschrieben. Diese Kraft, dieser Wuchs. Meine Ehrfurcht ist nahe der Angst.

Tag 1

Martin, meine Begleitung, wartet aufgelöst vor Aufregung am Bahnhof. Er verlässt Wien zum ersten Mal in seinem Leben. Ich konnte über meine Beziehungen zum bürgerlichen Feuilleton auch Karten für ihn organisieren. Er ist Wagnerianer, seit er zwei Jahre alt ist, ein Opernhaus hat er jedoch noch nie von innen gesehen, genauso wie ich. Alle paar Minuten kreischt er: "Reiseangst", und flattert mit den Armen. Die spitzen Schreie sind seine Art, mit negativen Gefühlen umzugehen. Im Zug versuche ich ihn mit YouTube-Dokumentationen über Adolf Hitler zu beruhigen. "Danke, Hitlerdokus beruhigen mich immer so", sagt er. Die Reise verläuft unproblematisch, nach einigen Stunden Fahrt möchten wir uns im Speisewaggon verköstigen.

Wir bestellen: "Bitte zwei Gemüsesuppen." Der Bahnangestellte sagt: "Haben wir nicht." Wir bestellen: "Dann die zwei Paninis." Der Bahnangestellte sagt: "Haben wir nicht." – "Und das Gulasch?" – "Haben wir nicht." Wir fragen: "Was haben Sie denn?" – "Der Kühlschrank ist kaputt, es gibt nur Kaffee, Getränke und Croissants."

Mangels Alternativen bestellen wir das Angebotene und betrachten Deutschland, das schönste und deutscheste Land der Welt.

In Bayreuth checken wir in einem Seminarhotel ein. Jetzt muss alles schnell gehen. In zwei Stunden schon beginnt das Rheingold. Für dieses Stück hat nur Martin eine Karte, wir teilen alles auf. An der Rezeption sagen wir unsere Namen, Martin schnappt sich zwei Fäuste voller Bonbons. "Für die Oper!", sagt er zum irritierten Rezeptionisten. Martin hat sich auf mein Anraten extra eine Fliege, schwarze Lackschuhe und ein neues Hemd besorgt: "Das haben dort alle so an. Hab ich auf den Fotos gesehen. Anders kommt man nicht rein." Wir googeln, wie man die Fliege bindet. Er sieht entzückend aus, groß, blond, stattlich, ein germanischer Gott, zärtlich nenne ich ihn "Wotan". Martin wird immer nervöser, deshalb streichle ich ihm im Aufzug die Hoden durch die Hose. Ich weiß, dass auch das ihn beruhigt. Das japanische Ehepaar, das mit uns mitfährt, schaut uns verstört an. Ich lächle beschwichtigend: "German tradition." Gemeinsam stolzieren wir den Grünen Hügel zum Festspielhaus hinauf, zwei würdevolle Opernkritiker bei der Arbeit. Es sind noch nicht viele Menschen da, doch die Outfits enttäuschen mich bereits. Kaum Fliegen, keine Roben, ganz normale Abendblusen. Ich habe mir aus lauter Sorge, dass es eine strenge Kleiderordnung gebe, sogar ein neues Kleid gekauft. Nachlässiges Lumpenvolk. Wir bestellen uns Bier um 6 Euro und warten. Es wird langsam eleganter, trotzdem ist die Atmosphäre ernüchternd. Im ganzen Areal habe ich erst eine trophy wife entdeckt, Fotografen und Kameras sind kaum vorhanden. Die Paare sind fast alle gleich alt und haben schon viel miteinander durchgemacht, das sieht man ihnen an, doch die Oper hält sie zusammen. Wir sind die Jüngsten hier. Die Stimmung ist leger, viel zu leger. Die Leute stopfen sich Bratwürste in die Backen, überall spritzt Fett, neben mir lutscht ein alter Mann an einem großen Schokoladenkeks, und ein anderer Mann im Anzug schlabbert an einem Mövenpick-Eis. Es gibt Brezen, Zuckerwatte, und in einer Ecke steht ein Clown in bunten Pluderhosen und bastelt Luftballontiere. Die Hautevolee des großdeutschen Reichs habe ich mir anders vorgestellt. Die Bläser treten an den Balkon des Festspielhauses, alle strahlen. Das ist die Ankündigung des Beginns. Ich verabschiede mich von Martin, wünsche ihm viel Freude.