Erst wer sich verhüllt (und sei es nur mit T-Shirt und Shorts) in die textilfreie Zone irgendeines deutschen Ostseebads wagt, weiß, wie sich die Tyrannei der Intimität am eigenen Leib anfühlt. Der spürt, wie sich beim Stapfen durch die Kolonie der glatten und glänzenden Wohlstandsbäuche misstrauische Blicke in den bedeckten Rücken bohren: Was macht der hier? Warum liegt der nicht? Warum ist der nicht nackt? Ist der krank? Ein Sittenstrolch? Will der sich etwa sattsehen an der Blöße der anderen, ohne sich selbst zu entblößen? Ist der etwa – Himmel hilf! – prüde? Und wenn ja, warum tut keiner etwas? Der verdirbt uns noch die Kinder!

Die Älteren werden sich erinnern: Es gab eine Zeit, da bedeutete es noch etwas, nackt zu sein in Deutschland. Da war jeder Quadratzentimeter Haut, der der Sonne entgegengestreckt wurde, eine Störung der öffentlichen Ordnung. Da hieß wahre Freiheit, sich frei zu machen. So wie in der DDR. Da feierte das Individuum regelmäßig seinen kleinen Sieg über das System, indem es sich am Badesee die Blöße gab. Da ging sogar die stramm sozialistische Anna Seghers oben ohne ins Wasser – und ließ sich nicht mal vom notorisch hochgeschlossenen Johannes R. Becher irritieren, der am Ufer stand und schimpfte: "Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?" Rückblickend kann man sagen: Es war keine freie Zeit. Es war keine gute Zeit. Genau deshalb war es so wichtig, sich auszuziehen am Strand.

Wie anders heute! An jeder Küste von Rügen bis Rhodos dieselbe ölige, glitschig-braune Konformität der Körper, die sagt: "Ich bin nackt! Du siehst es! Also sind wir!" Wer nicht nackt ist, verstößt zwangsläufig gegen das totale Transparenzgebot, das Louis Réard, der Erfinder des Bikinis, bereits vor 70 Jahren verbindlich fürs moderne Abendland formuliert hat: "Der Bikini ist so klein, dass er alles über die Trägerin enthüllt bis auf den Geburtsnamen ihrer Mutter." Wer gegen dieses Transparenzgebot verstößt, egal ob Männlein oder Weiblein (denn Männer sind meist noch weniger angezogen am Strand und quellen zudem gerne undekorativ über ihre Badehosen), der hat möglicherweise etwas zu verstecken, der stört, der muss weg. 

Die Bilder des Sittenpolizeieinsatzes in Nizza gingen um die Welt

So wurde die Freikörperkultur der Vergangenheit zur Unfreikörperkultur der Gegenwart. In Nizza musste sich die Trägerin eines Burkinis unter Polizeiaufsicht entkleiden. Die Bilder des Sittenpolizeieinsatzes gingen um die Welt. Seit den islamistischen Terroranschlägen der vergangenen Monate fordern immer mehr Franzosen, religiöses Textil am Strand zu verbieten. Mehr als 30 französische Gemeinden haben den Burkini deshalb bereits aus der Öffentlichkeit verbannt.

Nun hat das oberste Verwaltungsgericht Frankreichs entschieden, dass ein Burkiniverbot nicht rechtens ist. Es verstoße gegen fundamentale Freiheitsrechte seiner Trägerin. Das Urteil wurde zwar zu einem Erlass der Gemeinde Villeneuve-Loubet gefällt, es gilt aber als Präzedenzfall für die anderen Küstenorte, die muslimischen Frauen den umstrittenen Stoff am Strand verbieten wollten.

Die offizielle Begründung für das Verbot lautete folgendermaßen: "Eine Strandbekleidung, die offensiv eine Religionszugehörigkeit zeigt, während Frankreich und seine religiösen Stätten aktuelle Ziele terroristischer Anschläge sind, birgt das Risiko, öffentliches Ärgernis zu erwecken." Zudem gelte der Burkini als textiler Ausdruck der Unterdrückung der Frau im Islam. Doch stimmt das überhaupt? Immerhin wurde der Burkini von einer australischen Designerin erfunden, damit muslimische Frauen so frei sind zu schwimmen, ohne befürchten zu müssen, von mehreren Schichten nasser Kleidung in die Tiefe gezogen zu werden. Konservative Prediger und Politiker in der muslimischen Welt würden den Burkini deshalb auch gerne verbieten. Die Bedeckung ist hier also eher Ausdruck einer neuen Freiheit als einer alten Unfreiheit im Islam.

Die katholische Kirche verteidigt den Burkini

Diese Fähigkeit, durch Verhüllung subversiv zu wirken, ist auch für die abendländische Entkleidungskultur eine Provokation. Gesteht der Burkini doch der Frau und dem Einzelnen das Recht zu, sich anzuziehen, selbst wenn die Gemeinschaft demonstrativ unbekleidet ist. Paradoxerweise macht genau diese Fähigkeit den Burkini anschlussfähig für eine Institution, die in Bekleidungsfragen nicht gerade als Hort der Subversion bekannt ist: die katholische Kirche. Gleich mehrere Bischöfe der Kurie und der italienischen Bischofskonferenz verteidigten in den vergangenen Tagen das Recht der muslimischen Frau, anders zu sein als die Wassernixe des Westens. Denn auch in Italien überlegt man, die allgemeine Freizügigkeit am Strand vor all zu viel Verhüllung zu schützen.

Natürlich ist es nicht überraschend, dass der Kirche die Freizügigkeit in welcher Form auch immer suspekt ist. Doch geht das Unbehagen der Bischöfe über den reinen Reflex hinaus. Er weist auf ein Paradoxon des abendländischen Strandbetriebs hin: Denn wie kann man die Unterdrückung der Badenden im Islam beklagen, wenn im italienischen Fernsehen regelmäßig und unhinterfragt vollbusige Bikinischönheiten in investigativen Strandreportagen auf und ab hüpfen? Wie kann man vorgeben, für Freiheit und Freizügigkeit zu sein, und gleichzeitig die Freiheit der Andersbekleideten, welcher Religion auch immer, nicht anerkennen? Wie kann man als Feministin für westliche Frauenrechte streiten und den Bikini gestern als Garnierung zur Fleischbeschau verdammen und ihn sich heute im Kampf der Kulturen als Freiheitssymbol auf den Schild malen?

Es geht gar nicht. Und es geht doch. Denn es geschieht ja. An jedem Strand, an jedem sonnigen Augusttag an den Küsten Europas. So ist das mit der Mode in der freien Welt: Sie ist sich selbst Sinn und Zweck. Ihr Wesen ist das Gefallen. Im Gefallen ist sie brutal, aber ehrlich. Wenn die Mode sagt: Hüpfende Bikinischönheiten gefallen, hüpfende Bäuche von Männern in den besten Jahren nicht, ist das hart, aber ehrlich. Wenn sie sagt: Der Stringtanga kleidet auch Feministinnen, stellt sie fest, aber wertet nicht.

Die Mode fragt nicht nach Freiheit, auch wenn sie von ihr abhängt. Genauso wenig wie die Freiheit nach der Mode fragt. Sie muss es nicht. Denn man muss nicht schön, schlank oder braun sein, um frei zu sein. Manchmal reicht es, den Mut zu haben, sich anzuziehen und die Blicke zu ertragen, während man erhobenen Hauptes durch die Reihen der Nackten und der Roten geht. Davon geht das Abendland nicht unter. Davon bekommt man nicht mal Sonnenbrand.