Auch die Philosophie gibt Enttäuschungen nicht gerne zu. Den Beweis für diesen Satz liefert das Schicksal der Geschichtsphilosophie. Das genuine Kind der Aufklärung im 18. Jahrhundert, das zugleich Fortschritt, Optimismus und den Wunsch verkörperte, in der Historie möge es gerecht zugehen, ist längst zu Grabe getragen. Man gab aus Scham keine Todesanzeige auf und hoffte inständig, diese Episode bliebe ohne Nachfragen, nicht zuletzt ob der Naivität, mit der im Namen der Geschichtsphilosophie Heilsversprechen und Utopien unters Volk gebracht wurden.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn gerade jene Denker, die der Aufklärung und ihren vermeintlichen Versprechen skeptisch gegenüberstanden und folglich auch dann keine Revisionen früherer Positionen vornehmen mussten, als im 20. Jahrhundert Abermillionen Menschen mörderischen Ideologien geopfert wurden, ausgerechnet jene Denker also begleiteten die sterbende Geschichtsphilosophie auf ihrem letzten Weg. Indem sie trotz allem den harten Kern einer sich am "Leitfaden der Vernunft" orientierenden Geschichtsphilosophie offenlegten, erwiesen sie der Ideengeschichte seit 1750 einen wahrhaft aufklärerischen Dienst. Karl Löwiths Weltgeschichte und Heilsgeschehen von 1949, Leo Strauss’ Naturrecht und Geschichte von 1953 oder das gegen die Genannten gerichtete Opus magnum Hans Blumenbergs von 1966, die Legitimität der Neuzeit, sind herrliche, von der ersten bis zur letzten Zeile in Polemiken verstrickte Schwanengesänge auf die verführerischen Sirenengesänge der Geschichtsphilosophie. Alle drei Autoren waren übrigens selbst Opfer geschichtsphilosophisch überhöhten Wahns: zwei jüdische Emigranten und ein knapp in Deutschland überlebender "Halbjude". Sie schauten rückblickend auf die eigentümliche Motivation zur Überhöhung menschlicher Ambitionen: Entstanden aus problematischen Säkularisierungen theologischer Ideen, davon getrieben, die Konfrontation von Philosophie und Gesetzesreligionen endlich zu beenden, und schließlich voller Sehnsucht, dass Traditionen die Wunden der Moderne heilen könnten.

Man kann angesichts dieser Ausgangslage das Buch des 1955 geborenen ungarischen Philosophen Tamás Miklós gar nicht laut genug loben. Wie er in luziden Analysen das Helle und Dunkle in jenen großen Werken beschreibt, die ja häufig enigmatisch, kauzig und oft tief verletzt eine moderne Geschichtsphilosophie betrieben, das ähnelt einer Wiederbelebung des Totgeglaubten.

Miklós erinnert zunächst daran, dass seit Rousseau Geschichtsphilosophie ihren Stolz aus der Entkoppelung von Philosophie und Geschichte bezog. Es war dann Kant, der 1784 in seiner Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht erkannte, dass solch eine Trennung gefährlich werden könnte für eine Philosophie, die sich als bloße Ausfaltung theoretischer Einsichten begreift. Denn solch eine gedankliche Selbstermächtigung muss blind bleiben für das, was sich als Wirklichkeit nicht den zuvor festgelegten Prämissen fügen möchte. In einer Satz-für-Satz-Deutung der Kant-Schrift legt Miklós offen, wie der Königsberger die von ihm wahrgenommene Spannung durch Widersprüche, Sackgassen und unabgeschlossene Argumentationen versinnbildlicht, ohne sie lösen zu können.

Damit hat Miklós eine Art Urszene entdeckt, die er dann in verschiedenen Konstellationen und Werken verfolgt. Was äußerlich an der Chronologie orientiert ist – auf Kant folgen Moses Mendelssohn, Schiller und Hegel, dann geht es über Jacob Burckhardt, Walter Benjamin bis hin zu Hans Peter Duerr und am Ende Paul Feyerabend –, orientiert sich inhaltlich an der Frage, wie Geschichte als Einspruchsinstanz gegen Denkexperimente positioniert wird. Doch was im Untertitel Versuche zur Domestizierung des Wissens heißt, ist im Buch selbst eine subtile Darstellung der Umgehungsversuche von geschichtlicher Wirklichkeit. So zeichnet Miklós etwa in einer klugen Auseinandersetzung mit Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen deren beabsichtigte Verwandlung von Geschichte in Text nach. Oder er lässt die ironisch-heiteren Volten des 2015 verstorbenen Odo Marquard zum Signum eines neuen Realismus werden.

Andererseits hat Miklós, der im spätsozialistischen Ungarn 1981 die erste zensurfreie Zeitschrift gründete, ein gutes Gespür dafür, dass hinter den Masken, die Philosophen und Intellektuelle überstülpen, um Geschichtsphilosophien zu bezwingen, auch eine unstillbare Sehnsucht steckt: die Sehnsucht nach einer Art heiligem, zugleich ausnüchterndem Wasser, in das alle Katastrophen getaucht werden könnten, um sie danach wenn schon nicht vergessen, so doch wenigstens verstehen zu können. (Womöglich war Karl Löwith, der heimliche Held des Buches, der Einzige, der selbst dieser allzu menschlichen Regung widerstand.) Miklós’ bei Nietzsche entlehnter "kalter Dämon" Geschichtsphilosophie strahlt selbst keine wärmende Hoffnung aus. Und doch ist das Buch eine inspirierende Quelle, weil es Ideen reanimiert, die längst vergessen schienen.

Tamás Miklós: Der kalte Dämon. Versuche zur Domestizierung des Wissens; aus dem Ungarischen von Eva Zador; C. H. Beck Verlag, München 2016; 362 S., 29,95 €