Kann man nebeneinander leben und doch in unterschiedlichen Welten? In Klein Borstel ist uns das gelungen. Noch immer geht es um eine Unterkunft für 700 Flüchtlinge, noch immer ist sie nicht gebaut. Ja, die Flüchtlingskrise insgesamt hat sich entspannt, aber wenn das auch hier, zwischen Alstertal und Ohlsdorfer Friedhof, zu einer Entspannung geführt hat, dann besteht sie allenfalls darin, dass wir nicht mehr miteinander sprechen.

Trennten uns anfangs nur Überzeugungen, sind es inzwischen unterschiedliche Erfahrungen. Auf der einen Seite gedeiht ein leicht hyperaktives Klein Borstel der Flüchtlingsfeste und Volkstanzabende, der Deutschkurse, Koch- und Sporttreffs. Das andere Klein Borstel stellt Zeitungsartikel ins Internet, eine autosuggestive Litanei des Scheitern (Asylbewerber: Mehrheit will keine weiteren Flüchtlinge; Flüchtlingskinder an Schulen: So wird das nichts mit der Integration; Warum Siedlungen für Flüchtlinge gefährlich sind und so weiter). Angeblich geht es beiden Seiten allein um Integration, aber der einzige Versuch, darüber ins Gespräch zu kommen, soll unerfreulich verlaufen sein. Zeit, mein Tagebuch fortzusetzen.

9. Mai. Der Tag der Vorentscheidung über den Bau der Unterkunft beginnt in meiner Ökosiedlung mit einem Ausblick auf den Ernstfall. Asylbewerber aus einem kleinen Heim im benachbarten Stadtteil Wellingsbüttel gehen seit Monaten bei uns ein und aus, vor allem, weil viele meiner älteren Nachbarinnen ihnen Deutschunterricht geben. An diesem Nachmittag aber drängen sich Menschen, die wir nie zuvor gesehen haben, in unserem Hof. Am frühen Abend, als unsere Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge öffnet, erfahren wir den Grund. Irgendwer hat über Facebook die Nachricht verbreitet, bei uns gebe es Räder umsonst. Nun sind sie aus Unterkünften in Sasel, Bergedorf und wer weiß woher angereist, um mit dabei zu sein. Es wird ein unproduktiver Abend in unserer völlig überfüllten Werkstatt. Immerhin bekommen wir eine Ahnung davon, was es heißen kann, nicht wie bisher 90, sondern 700 Neuankömmlinge in der Nachbarschaft zu haben.

Am Abend können wir das Urteil des Oberverwaltungsgerichts lesen: Der Bau der Unterkunft ist genehmigt. Bislang hatten ihre Gegner beansprucht, selbst zu entscheiden, ob sie Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft dulden wollten und, wenn ja, wie viele. Diese Position ist nun vom Tisch. Unerwünschte Nähe zu unerwünschten Nachbarn ist ebenso wenig ein Grund, Zuwanderer in baurechtlich weniger privilegierte Wohngebiete abzuschieben, wie die Angst vor Kriminellen oder sinkenden Hauspreisen.

Der Streit um die Klein Borsteler Unterkunft ist ab jetzt kein juristischer, sondern ein politischer. Die Gegner des Asyls haben sich mit Gleichgesinnten aus ganz Hamburg zusammengetan und drohen mit einem Volksentscheid.

14. Juni. Große Aufregung im Blog meiner Siedlung, in dem die 180 Bewohner sich über Alltagsfragen verständigen: "Weiß jemand wo Awet steckt?" Awet, 23 Jahre alt, aus Eritrea, ist vor Kurzem bei uns in eine freie Mietwohnung gezogen, meines Wissens der erste Flüchtling in Klein Borstel. Zweifellos eine Maßnahme, die seiner Integration dient und unseren Horizont erweitert. Bisweilen frage ich mich allerdings, ob es sich in Awets Fall nicht eher um eine Adoption handelt.

8.21 Uhr, erste Antwort: "Awet befindet sich gerade in Stockholm."

10.36 Uhr: "... und bleibt dort noch eine ganze Weile."

17.47 Uhr: "Er hatte gesagt, er kommt heute wieder. Er war zur Hochzeit einer Cousine."

5.42 Uhr, nächster Morgen: "Er wollte heute um 2.00 wieder mit dem Bus in Hamburg ankommen."

20.00 Uhr: "Er ist wieder da!"

5:43 Uhr, nächster Morgen: "Meine Güte ... Er ist erwachsen und hat einen Pass für die nächsten drei Jahre."

Ein Gespräch mit einer Aktivistin der Helferszene bringt mich darauf, dass diese Rundumbegleitung ihre Schattenseiten hat. Weniger für Awet, der sie sichtlich genießt, als für die anderen Flüchtlinge in der nächstgelegenen Unterkunft. Dort herrschen offenbar desolate Verhältnisse, der Standort soll aufgegeben werden und wird bereits abgewickelt. Während wir uns gemeinsam mit Wohl und Wehe eines einzelnen Ex-Bewohners beschäftigen, sieht dort nur eine einzige Helferin regelmäßig nach dem Rechten.

Von Awet habe ich übrigens auch erfahren, was ihn an unserem Lebensstil befremdet: dass kaum jemand von uns zum Gottesdienst geht. Da haben wir nun die Möglichkeit, frei unseren Glauben zu leben – und was machen wir daraus?