Das Land hat sich verändert und wird es weiter tun. Politische Kampfbegriffe, wie Notstand, Burka-Verbot oder die Verpflichtung zu gemeinnütziger Arbeit prägen derzeit die Auseinandersetzung um Zuwanderung. Die Transformationsprozesse, die mit den nach Europa flüchtenden Menschen in Gang gekommen sind, stehen hingegen kaum je zur Debatte.

Geht es nach dem aus Syrien stammenden und in Wien lebenden Autor Ibrahim Amir, gehen im Jahr 2033 alle Illusionen endgültig zu Bruch. In Österreich hat es zwar eine Frau mit kenianischen Wurzeln zur einflussreichen Innenministerin gebracht, aber die offene, interkulturelle Gesellschaft, die so gerne in Sonntagsreden beschworen wird, ist lediglich eine brüchige Fassade. Längst hat sich herausgestellt, dass Flüchtlinge per se keineswegs die hehren Erscheinungen sind, von denen die Helferseele so häufig schwärmt. Ebenso ist die altruistische Aura der Flüchtlingsbetreuer auf der Strecke geblieben.

Es ist ein grimmiger Blick, den Amir in seinem Theaterstück Homohalal in die Zukunft wirft. Hierfür lässt der Dramatiker ehemalige Asylwerber und Aktivisten auf einer Party aufeinandertreffen, um zwanzig Jahre nach dem Refugee Protest Camp in und vor der Wiener Votivkirche 2012/2013 den vermeintlichen Erfolg der Willkommenskultur zu feiern. Aber erst gerät eine Flüchtlingshelferin in Rage. Schuld ist ihr Ex-Ehemann, der aus Marokko stammende Falafel-Verkäufer Salamah. Als er erfährt, dass sein eigener Sohn schwul ist, rastet er aus. Dabei ließ sich der homophobe Macho selbst einst von der lesbischen Aktivistin mithilfe einer Scheinehe vor der Abschiebung retten. Damals akzeptierte er Homosexualität also nur deshalb, weil ihm die Frau nützlich war. Sind jene, die einst mit offenen Armen empfangen wurden, doch auch nur Opportunisten mit fragwürdigen Wertvorstellungen?

Wie wird sich das Weltbild der heute Ankommenden aus anderen Kulturkreisen entwickeln? Wird sich die Haltung im vermeintlich weltoffenen und toleranten abendländischen Milieu wandeln? Wie steht es um die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft? Während die Flüchtlingsdebatte in Österreich Tag für Tag schriller wird, stellt Homohalal Fragen, die über kurzsichtige Polemiken hinausgehen.

Eine mögliche Antwort gibt das in Zusammenarbeit mit Flüchtlingen und Aktivisten entstandene Bühnenstück zwar in Form einer Komödie, aber die ist schonungslos – auch gegenüber denen, die wie der Autor selbst nach Europa gekommen sind. Dem Wiener Volkstheater war diese Antwort offenbar zu hart: Kurzfristig wurde das Stück im vergangenen Spätwinter vom Spielplan gestrichen. "Der öffentliche Diskurs über Geflüchtete ist zur Zeit stark von Angst und Hass geprägt", lautete die offizielle Erklärung.

Im März nächsten Jahres wird Homohalal dennoch Premiere feiern: nicht in Wien, sondern am Staatsschauspiel Dresden. Ausgerechnet Dresden, der Geburtsort von Pegida, die Stadt, auf die alles blickt, wenn es um ängstliche Stimmungsmache und hässliche Protestaktionen geht. Traut man sich in Sachsen mehr als im beschaulichen Wien? Und vor allem: Wie kritisch darf der Blick im Theater auf die Einwanderungsgesellschaft sein, ohne Hass und Hetze weiter zu befeuern?

Die Reaktionen auf die Absetzung in Wien waren heftig. Von einem Kniefall vor den Rechten war die Rede und von "präventiver Selbstzensur" der Theaterleitung im Gefolge jener "pathologischen Angst vieler westlicher Linksliberaler, sich der Islamophobie schuldig zu machen", die der Philosoph Slavoj Žižek gerne anprangert.

Ibrahim Amir spricht von "falsch verstandener Political Correctness". Der Autor, 1982 in Syrien in einer kurdischen Familie geboren, sitzt unter großen, schattenspendenden Bäumen in einem Gasthausgarten an der Wienzeile. Es ist ein später Sommernachmittag, Amir hat gerade seine Schicht im Krankenhaus beendet, wo er hauptberuflich als Arzt arbeitet. 2004 verließ er Syrien, weil er nach einer Schweigeaktion an der Universität Aleppo exmatrikuliert wurde und härtere Repressionen befürchtete. Mit dem Schreiben hat er erst in Österreich begonnen, auf Deutsch. 2013 gewann er den Nestroypreis für Habe die Ehre, eine bissige Komödie über Ehrenmorde, die nach wie vor auf zahlreichen deutschsprachigen Bühnen aufgeführt wird.

Diesen Stil setzte Amir in Homohalal fort: die Auseinandersetzung mit harten Themen irgendwo zwischen Tragik und Boulevardlachern, immer satirisch, oft bewusst politisch unkorrekt. "Warum unterstellt man dem Publikum, es werde, als sei es dumm, das missverstehen und mit Vorurteilen beladen das Theater verlassen?" Man dürfe, sagt Ibrahim Amir, "die Bühne nicht denen überlassen, die in falsch gemeinter Moralhaltung Tabus aufstellen."