Als Naturgeschichte und Forschungsbegeisterung sich berührten, kam ein zeitloser Roman auf die Welt. Dies ist die Geschichte des Vulkans Tambora, des Jahrs ohne Sommer und die von Mary Shelleys Frankenstein. Beide, der Unwettersommer und sein literarisches Kind, haben uns auch nach 200 Jahren mehr zu sagen, als uns lieb sein kann.

"Superkolossal" nennen Vulkanologen Ausbrüche wie jenen des Tambora auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien. Die Explosion des über viertausend Meter hohen Bergs im April 1815 war die schwerste der letzten 25.000 Jahre. Sie war hundertmal stärker als jene des amerikanischen Mount St. Helens im Jahr 1980, deren Schrecken Fernsehkameras in alle Welt trugen, oder des Vesuvs im Jahr 79, der die Stadt Pompeji verschüttete. Die viel größere Eruption in Südostasien schleuderte 1815 so viel Lava, Asche und Bimsstein in die Luft, dass man damit die Fläche der Bundesrepublik gleichmäßig knöchelhoch bedecken könnte. Die größte Wirkung entfaltete aber der bescheidenste Bestandteil dieser gewaltigen Mengen, ein wenig Schwefel.

Er sorgte für eine Art umgekehrten Treibhauseffekt, indem er weit in die Stratosphäre aufstieg und winzige Schwefelsäure-Tröpfchen bildete, die sich bis über beide Pole in der Lufthülle des Planeten verteilten. Sie reflektierten einen Teil des einfallenden Sonnenlichts, sodass die Temperatur schätzungsweise um ein halbes Grad Celsius fiel – im globalen Durchschnitt. In einzelnen Weltgegenden waren es wohl minus zwei bis minus vier Grad. Diese vermeintlich geringe Schwankung sollte verheerende Folgen zeitigen. Aus heutiger Sicht demonstrieren sie die Störanfälligkeit der Erdatmosphäre, vorgeführt ein halbes Jahrhundert bevor die kohlebefeuerte Industrialisierung an Fahrt gewann und den Kurs unseres Planeten auf zwei Grad (oder mehr!) Erwärmung stellte.

1816, im Jahr nach Tambora, war es am schlimmsten. Besonders hart trafen die Folgen Mitteleuropa. Ein schlechteres Ziel als den Genfer See hätte die Engländerin Mary Godwin sich gar nicht aussuchen können. In der herrschaftlichen Villa Diodati wollte sie den Sommer 1816 zusammen mit ihrem Liebhaber (und späteren Ehemann) Percy Bysshe Shelley und dem Dichter Lord Byron verbringen. Nur fehlte für eine Sommerfrische der Sommer.

"Die Jahreszeit war kalt und regnerisch, und an den Abenden drängten wir uns um ein loderndes Kaminfeuer", notierte Mary später. "Die Gewitterstürme, die uns heimsuchen, sind grandioser und furchterregender, als ich es jemals erlebt habe." Was den Urlaubern ihre Ausflugspläne verdirbt, kostet Zehntausende weniger Privilegierte das Leben. Denn nach einem späten, verregneten Frühling brachten die Monate Juni, Juli, August Frost mit Schneefall über Mitteleuropa. "Jahr ohne Sommer" und "Achtzehnhundertunderfroren" wurde 1816 bald genannt. Den Wettereskapaden folgten schwere Ernteausfälle, welche eine geschwächte Bevölkerung trafen. Gerade waren die napoleonischen Kriege vorüber und die Lebensmittelreserven davon dezimiert. Im Südwesten Deutschlands, der Schweiz und Frankreich folgten auf den Hunger Krankheit und Tod.

So düster der Rahmen für die Sommerpartie war, so fruchtbar war das Aufeinandertreffen in der Villa Diodati. Intellektuell anregender als die ans Kaminfeuer Exilierten hätte man sich die Zeit kaum vertreiben können: Die universal interessierten Dichter Shelley und Byron, dazu der Leibarzt des Lords – das war für die erst 18-jährige Mary Inspiration pur. Sie hatte im Haus ihres progressiven Vaters, des Sozialphilosophen und Anarchisten William Godwin, eine umfassende Erziehung genossen. Humphry Davy, einer der Väter der modernen Chemie, gehörte zu den Hausfreunden der Godwins. Percy Shelley hatte sich in Oxford für allerlei Experimente interessiert, darunter für die Reanimation einer toten Katze, bis man ihn wegen Atheismus der Universität verwiesen hatte.

Vielleicht muss man sich die Gesellschaft am Kamin vorstellen wie ein literarisch beseeltes Quarks & Co. Besonders durch den umfassend interessierten Arzt, John William Polidori, fanden die neuesten akademischen Entdeckungen Eingang in die Villa. Dazu gehörten frisch entdeckte chemische Elemente, die Experimente des Charles-Darwin-Großvaters Erasmus, das neue Phänomen der Elektrizität und natürlich das Modethema Galvanismus. Die Hirne "zischten", notierte Polidori.

Die Tagebücher, Notizen und Reiseberichte der Beteiligten machten den Urlaub am Genfer See zu einer der meisterzählten Genesen der Literaturhistorie. Diese fiel auf einen besonderen Punkt der Wissenschaftsgeschichte. Es war einer der letzten Momente, da jeder ausreichend Gebildete und Begüterte die Früchte der wissenschaftlichen Revolution ernten konnte. Das 18. Jahrhundert hatte so viel Neues hervorgebracht, doch die einzelnen Fächer als getrennte Disziplinen mussten sich noch herausbilden. Noch waren die Beschaffenheit der Natur und des Menschen zugängliche Themen der gepflegten Konversation. Das verhängnisvolle Gegenüber (und oft Gegeneinander) von Geistes- und Naturwissenschaften gab es noch nicht. Damals hieß die Leidenschaft der Wissens-geeks schlicht Philosophia naturalis, Naturphilosophie. Und geeks waren sie alle in der Seevilla, dazu voller literarischer Ambition, sodass sie eines kalten Abends einen Gespenstergeschichtenwettbewerb ausriefen. Jeder sollte eine Gruselstory dichten. Worüber? Im frühen 19. Jahrhundert blühte der "Vitalismus"-Streit darüber, ob eine spezielle Kraft (die " vis vitalis") tote Materie belebe. Und Marys besonderes Interesse hatten Diskussionen über "die Natur des Lebens geweckt und ob es wahrscheinlich wäre, dass sie jemals entdeckt und vermittelt werden könne".