Ihre dermaßen angeregte Fantasie amalgamierte schließlich im Winterwetter der Sommernacht des 16. Juni 1816 die hot topics aus den science news zu einem Albtraum. "Meine Vorstellungskraft ergriff ungebeten von mir Besitz", schilderte sie es rückblickend. "Heureka! Was mich erschreckte, wird andere erschrecken; und ich muss lediglich den Geist beschreiben, der mein mitternächtliches Ruhekissen heimgesucht hat." Muss man diesen Schrecken erklären? Kaum ein Plot dürfte in seinen Grundzügen bekannter sein: Der Genfer Student Viktor Frankenstein flickt, getrieben von Neugier und Idealismus, an der Universität Ingolstadt aus Tier- und Leichenteilen eine Kreatur zusammen und erweckt diese zum Leben. Abgestoßen von ihrem Äußerem, flieht Viktor. Weil ihre Suche nach Zuwendung, ihre Appelle an Viktors Verantwortung vergeblich bleiben, wandelt sich die Kreatur zu jenem Monster, das Viktors Familie und ihn ins Verderben reißt. Auf den Triumph folgt die Tragödie, auf den Übermut der Untergang – ein Klassiker.

Wer heute Frankenstein betrachtet, egal von welcher Seite, erblickt stets eine Matroschka. Ineinandergesteckt wie die kleiner werdenden Versionen der berühmten russischen Holzpuppen, offenbaren sich die Schichten, eine als Voraussetzung für die nächste. Erstens naturhistorisch: der Vulkanausbruch, der das Weltwetter beeinflusste, was zum Regensommer führte, der die englischen Schweizreisenden an den Kamin zwang. Zweitens literaturgeschichtlich: Mary Shelleys außergewöhnliches Elternhaus, das ihr eine umfassende Bildung ermöglichte, welche ihr Interesse am wissenschaftlichen Fortschritt befeuerte, zu der die literarische Inspiration im Zirkel ihrer Freunde kam. Drittens die Romanhandlung selbst, die in drei verschachtelten Rückblicken erzählt wird: Ein englischer Polarforscher berichtet im Brief von seinem Zusammentreffen mit Viktor Frankenstein. Dieser wiederum rekapituliert für den Engländer sein Schöpfungswerk. Und in Frankensteins Bericht hält schließlich die Kreatur einen gewaltigen Monolog. Sie ist, das muss man so sagen, verdammt eloquent für eine verstoßene Schimäre, die sich autodidaktisch die menschliche Sprache und Kultur hat erschließen müssen. Monströs wird dieses erstaunlich zivilisierte Geschöpf erst durch die Zurückweisung durch die Menschen.

So sind Viktors Forscherstreben und sein einsames Experiment im Prinzip ergebnisoffen. Die 1818 anonym veröffentlichte Originalausgabe des Frankenstein, die Shelley im Gegensatz zur späteren Fassung von 1831 nicht dem viktorianischen Zeitgeist angepasst hatte, steckt voller Wissbegierde. Die Autorin fantasiert hier nicht einfach, sie spinnt auf Basis aktueller Erkenntnisse fort. Oft wird der Roman als Mutter des Genres Science-Fiction genannt. Die Schilderung der Ausbildung des jungen Frankensteins ist ein Curriculum für sich. Und wer die Originalfassung liest, dem erscheint wider besseres Wissen selbst ein Happy End nicht ausgeschlossen.

Viel Ambivalenz von Schöpfung, Anspruch und Verantwortung fiel aber schon der ersten, ungeheuer erfolgreichen Bühnenfassung des Frankenstein im Jahr 1823 zum Opfer. "Die Geschichte ist schlecht bearbeitet", urteilte die Autorin, gestand aber zu: "Anscheinend weckte es eine atemlose Spannung beim Publikum." Womit der dominante Pfad für künftige Interpretationen gelegt war: verrückter Forscher hier, grausames Monster da. Der Schauspieler Boris Karloff gab diesem im Kinofilm von 1931 ein unvergessliches Gesicht. "Der Mythos ist wohlbekannt, das Romanoriginal ist es nicht", klagte der britische Wissenschaftshistoriker Richard Holmes (The Age of Wonder) gerade in Nature .

Schließlich ging sogar der Name falsch ins kollektive Gedächtnis ein. "Ich bin der neue Frankenstein", sagte Louis Washkansky 1967. Der Satz ist ein Stück Medizingeschichte, denn Washkansky war da gerade als erster Mensch nach einer Herzverpflanzung aus der Narkose erwacht. So ist es typisch. Ob im Frankenstein-Videospiel ("Frankenstein lebt und kommt in dein Wohnzimmer", 1990) oder in der Kinofortsetzung (I, Frankenstein, 2014), ob beim Karnevalsausstatter ("Frankenstein-Partymaske, 5,99 Euro") oder umgangssprachlich – im Lauf von 200 Jahren ist der Name des Schöpfers auf sein Geschöpf übergegangen.

Nun ist Frankenstein aber nicht nur popkulturell denkbar frei interpretiert worden, es wurde und wird mit ihm Forschungspolitik gemacht. Im 20. Jahrhundert wurde er zum unverzichtbaren Bestandteil des Warnvokabulars gegen allerlei Großtechnik: gegen Kernkraft und Reproduktionsmedizin, Agrochemie, Humangenetik und grüne Gentechnik. Mit dem Familiennamen des unglücklichen Viktors lassen sich beliebige Schlagworte prägen. Der genetisch veränderte Lachs? Ein "Frankenfisch". Künftige Wunschkinder? "Frankenbabys". Frankenstein ist zum Ein-Wort-Argument mutiert – übersimpel bis ins Vulgäre, aber eben universell verständlich.

Der Bedarf an Technikfolgenabschätzung, die Notwendigkeit verantwortungsethischer Appelle dürften so schnell nicht versiegen, angesichts des wissenschaftlichen Fortschritts. Als die schweizerische Fondation Brocher zum 200-jährigen Jubiläum der Albtraumnacht Geistes- und Naturwissenschaftler an den Genfer See lud, berichtete ein Veteran der legendären Konferenz von Asilomar davon, wie 1975 eine Handvoll Biologen um sichere Verhaltensregeln für das damals jungfräuliche Forschungsfeld der Gentechnik gerungen haben. Andere Gäste des Symposiums Frankensteins Schatten bezogen den Roman auf künstliche Intelligenz und autonome Maschinen, auf gezielte Redigaturen im Erbgut ("Gene-Editing") und großtechnische Eingriffe ins Klimasystem ("Geoengineering") – allesamt Felder, auf denen heute viel mehr Forscher an viel mehr Orten parallel arbeiten als Genetiker zu Zeiten von Asilomar. Verwegen, sich da auf eine Ethik einigen zu wollen.

Vor 200 Jahren, als Mary und ihre Freunde Gespenstergeschichten ersannen, erlebten die Menschen eine grausame Laune der Natur: willkürlich, extrem, aber nach ein paar Jahren war auch alles wieder im Lot. Heute hat der Mensch seine Biosphäre so überformt, dass Wissenschaftler von einem neuen Erdzeitalter sprechen, dem Anthropozän (griech. "Menschenzeit"). Prometheische Fähigkeiten kennzeichnen den anthropozäischen Menschen, gigantische Probleme liegen vor ihm: bald zehn Milliarden Erdenbürger ernähren? Den Klimawandel abmildern? Die explodierende Kapazität der Computer in die richtigen Bahnen lenken? Wer schwarz-weiß in Tun und Lassen denkt, wird dafür keine Lösung finden. Die Verknappung der wirkmächtigsten Science-Fiction-Botschaft unseres Kulturkreises auf die Warnung, bloß die Finger von neuer Technik zu lassen, wird der Gegenwart nicht gerecht.

Was aber ist die differenzierte Lektion aus Shelleys zeitloser Gruselgeschichte? Der französische Wissenschaftssoziologe Bruno Latour sah in Frankenstein nicht die Warnung davor, Monster zu erschaffen. Vielmehr mahne Frankenstein, dass wir "unsere Monster lieben" müssten. Latour sah darin eine Anleitung für das Anthropozän, eine anstrengende Anleitung. Um unsere Technologien müssten wir uns kümmern wie um Kinder: einsehen, dass sie nicht perfekt sein können, dass sie immer wieder Probleme machen werden – und dass wir sie dabei begleiten müssen.