Unter einem breiten Olivenbaum findet Fritz Bläuel Schutz vor der sengenden Sonne. Sein Blick folgt der engen Serpentinenstraße hinab, die durch zahlreiche Olivenhaine bis zu einem Meerbusen am griechischen Südpeloponnes verläuft. Mani heißt die Gegend, in der die Menschen neben dem Tourismus von den Früchten der Olivenbäume leben. Seit mehr als zwanzig Jahren setzen hier die Bauern fast ausschließlich auf Bioproduktion. Daran ist Fritz Bläuel schuld. Er war der erste Bio-Olivenöl-Produzent Griechenlands, und sein Unternehmen Mani-Bläuel ist heute einer der größten Arbeitgeber der Region.

Der 64-Jährige ist groß, hat ein hageres Gesicht und weiße, kurz geschnittene Haare. Sein heller Teint verrät, dass er aus dem Norden kommt. Vor vierzig Jahren verschlug es den Studienabbrecher und ehemaligen Besetzer des Wiener Kulturzentrums Arena auf den Peloponnes, wo er mit Gleichgesinnten eine Kommune gründete. "Ich wollte Kapitalismus, Konsumgesellschaft und das spießige Leben der Eltern hinter mir lassen", sagt der Sohn einer konservativen Hoteliersfamilie vom Tulbingerkogel bei Wien in bürgerlichem Hochdeutsch.

"Manche sehen mich jetzt als einen Vertreter derer, gegen die ich früher rebelliert habe", sinniert Bläuel. Dann lacht er. Das Lachen kann sich der zweifache Familienvater immer dann nicht verkneifen, wenn ihm der spontane Witz einer Aussage bewusst wird. Für ihn ist sein Leben aber kein Widerspruch. "Es gibt die, die dasitzen, jammern und auf die Revolution hoffen. Und jene, die gestalten", sagt er, als müsste er sich vor jemandem rechtfertigen, der ihn für seinen Lebenswandel kritisiert. Den Kapitalismus habe er immer schon für veränderungsfähig gehalten. Darum sei er gemeinsam mit seiner Frau Burgi Unternehmer geworden.

Kann man linke Weltsicht mit privatem Unternehmertum verbinden? Man kann, wenn man die richtigen Bücher liest.

Bläuel hat sich sein wirtschaftliches Weltbild aus unterschiedlichen Richtungen kommend zusammengestellt, mit ein bisschen Buddhismus und modernen Philosophen, vor allem der Amerikaner Ken Wilber, Vertreter einer ganzheitlich ausgerichteten, integralen Denkschule, hat es ihm angetan. Bläuel spricht von der sozialen Verpflichtung des Unternehmertums sowie von eigenverantwortlichen Mitarbeitern und klingt wie ein Weltverbesserer, der den Glauben an eine bessere Gesellschaft nicht aufgibt.

Bläuel blickt den Hain hinauf. Keine hundert Meter entfernt steht das zweistöckige Fabrikgebäude. Sechzig Mitarbeiter pressen mit halbautomatischen Maschinen die Oliven. Jährlich werden hier 900 Tonnen Olivenöl hergestellt. Zwölf Millionen Euro beträgt der Jahresumsatz.

Der Absatz von Olivenöl ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, fast drei Millionen Tonnen wurden 2015 weltweit verbraucht. Nach Spanien und Italien ist Griechenland der drittgrößte Hersteller. Seit den neunziger Jahren hat Mani-Bläuel Hunderte bäuerliche Betriebe dazu gebracht, auf Biolandwirtschaft umzusteigen. Die Produkte, neben Öl auch Verzehroliven und Kosmetika, findet man in Läden in ganz Europa. Hilde Weckmann, Gründerin des deutschen Biogroßhändlers Terra Naturkost, sieht in Bläuel einen Vorreiter: "Er hat als Pionier die ökologische Anbauweise vorangetrieben, seine Firma beschert vielen Bauern ein besseres Einkommen."

In Bläuels Produktionshalle werden Gläser am Fließband verpackt, Stapler führen Paletten zum Andockpunkt für die Sattelschlepper, welche die Ware ausliefern. Die Mitarbeiter tragen grüne T-Shirts mit dem Firmenlogo. Sie grüßen Bläuel mit dem Vornamen, manche küssen ihn auf die Wange. An einer Wand sitzt ein Arbeiter und macht, unbeeindruckt vom Eintreffen des Chefs, eine Schaffenspause. Hier herrscht eine Firmenkultur, wie man sie bei einem Start-up erwarten würde, aber nicht bei einem Olivenölproduzenten in der griechischen Provinz.