Sonntagmorgen – aus der Nachbarschaft weht Glockengeläut auf das Trainingsgelände von Rasenballsport Leipzig. Es passt zu der Stimmung, die sich hier gerade breitmacht: Sportdirektor Ralf Rangnick, der neue Trainer Ralph Hasenhüttl und Vereinsboss Oliver Mintzlaff, sie alle sind erschienen, stehen am Spielfeldrand und schauen mit gefassten Gesichtern fünf Ersatzspielern beim Grätschen zu. Am Vorabend hat Bundesliga-Aufsteiger Leipzig das Pokalspiel gegen Zweitliga-Aufsteiger Dynamo Dresden verloren. Ein rundum misslungener Start für Hasenhüttl, dessen Mannschaft gegen eine Wand aus Schmähungen anspielen musste. Gegen gegnerische Fans, die irgendwann einen noch blutenden Bullenkopf Richtung Spielfeld warfen.

Hasenhüttl muss seiner Mannschaft bis zum Ligastart an diesem Wochenende beibringen, wie man gegen die Verachtung spielt. Verachtung, die dem vom Red-Bull-Konzern finanzierten Klub bei fast jedem Auswärtsspiel in der Ersten Bundesliga entgegenschlagen könnte, weil er vielen Fans als Sinnbild für die Kommerzialisierung ihres Sports gilt. Außerdem muss sich der gebürtige Grazer möglichst schnell an die Gegenwart seines Über-Ichs gewöhnen: Ralf Rangnick. "Der Professor" ist sein Vorgänger im Amt, beliebt als Leipzigs Aufstiegscoach. Als Sportdirektor wird er im Verein weiter nach dem Rechten sehen.

DIE ZEIT: Herr Hasenhüttl, war diese Niederlage in Dresden eine direkte Folge der aggressiven Stimmung gegen Ihre Mannschaft?

Ralph Hasenhüttl: Nein, als aggressiv habe ich sie nicht wahrgenommen. Es war eher eine Folge der sicherlich besonders emotionalen Stimmung im Stadion. Ich weiß nicht, ob zehn Dezibel mehr oder weniger Lärm am Ende den entscheidenden Unterschied machen. Wir werden auch auswärts Spiele gewinnen. Ich kenne diese Stimmungen auch schon aus Ingolstadt. Jetzt kommt der kleine Audi-Verein, hieß es da. Wer braucht euch schon? Aber wir haben uns durchgesetzt und die Klasse gehalten – gegen alle Widerstände. Widerstand kann auch motivieren.

ZEIT: Haben Sie nach dem Spiel gegen Dresden überlegt, wie Dietrich Mateschitz, Chef von Red Bull, die erste Pleite kommentiert?

Hasenhüttl: Nicht für einen Moment. Das ist nicht meine Aufgabe. Herrn Mateschitz habe ich zweimal getroffen, einmal zu einem Kennenlerngespräch und einmal bei einem Spiel von Red Bull Salzburg. Wir haben uns nett unterhalten, über Fußball, unsere Saisonvorbereitung und darüber, wie es mir in Leipzig geht. Aber nach dem Spiel habe ich über nichts anderes nachgedacht als darüber, wie meine Mannschaft sich fühlt. Mein Job ist es, das Spiel treffend zu analysieren und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.

ZEIT: Als Trainer von Leipzig haben Sie es gleich zu Beginn der Saison mit Hoffenheim, Dortmund, Hamburg und Gladbach zu tun.

Hasenhüttl: Trotzdem werden wir die Ruhe bewahren. Wir werden mit Leipzig die jüngste Mannschaft der Bundesliga stellen. Wir haben im Augenblick einen relativ kleinen Kader, spielen weitestgehend mit der "Zweitligamannschaft", die im vergangenen Jahr aufgestiegen ist. Die Jungs werden sich manchmal fühlen, als müssten sie gegen ein Bollwerk anlaufen. Aber das ist schließlich auch der Reiz. Wir werden für Überraschungen sorgen, und wir werden auch Niederlagen erleiden.

Damit sich die Zahl der Niederlagen in Grenzen hält, ist der Verein in diesen Tagen bemüht, noch zwei oder drei neue Kräfte zu verpflichten. Innenverteidiger werden dringend gesucht, dazu mindestens ein Offensivspieler. Angeblich legt Ralf Rangnick das Handy gar nicht mehr aus der Hand – auch deshalb, weil Wunschkandidaten absagen. Bei RB Leipzig wird das große Geld vermutet, allerdings hat sich der Verein einen Salary-Cap verordnet. Die Gehaltsobergrenze für einen Spieler liegt bei drei Millionen Euro brutto. Da verlieren Kandidaten schnell die Lust.

ZEIT: RB Leipzig wird jetzt von zwei Alphamännchen angeführt, die auch noch gleich heißen – Ralf Rangnick und Ralph Hasenhüttl. Das kann Probleme geben!

Hasenhüttl: In Ihrer Frage steckt schon ein Fehler. Ich sehe mich nicht als Alphamännchen. Ich bin Dienstleister für meine Mannschaft. Hierarchien sind das Letzte, was mich interessiert.

ZEIT: Einer muss am Ende den Hut aufhaben.

Hasenhüttl: Absolut. Und Sie können sich darauf verlassen: Die Entscheidungen, die ich zu treffen habe, treffe ich. Wenn ich der Meinung bin, diese oder jene Truppe spielt – und sie spielt dieses oder jenes System –, dann passiert das auch. Ich höre mir aber jeden Tipp von Ralf Rangnick an. Und am Ende gebe ich die Linie vor, nach der unsere erste Mannschaft spielt.