DIE ZEIT: Professor Bhagwati, Sie haben sich Ihr Leben lang für Freihandel und Globalisierung eingesetzt. Jetzt sind überall Politiker populär, die ihre Wirtschaft wieder nationaler machen wollen. Was ist da schiefgelaufen?

Jagdish Bhagwati: Ich fürchte, wir Ökonomen dringen nicht durch zu den Menschen. Viel zu wenige Leute verstehen etwas von internationalem Handel – und die Politiker wollen damit gar nichts zu tun haben. Der ehemalige US-Finanzminister Bob Rubin hat zu mir gesagt: "Wir können Freihandel den Leuten niemals verkaufen." Ich habe gefragt: "Hast du dir die Zahlen und Statistiken angeguckt, die gar nicht so schlecht beweisen, dass Handel gut ist?" Aber er hörte nicht. Die Tatsache, dass man der demokratischen Partei angehört, bedeutet nicht, dass man schlau ist.

ZEIT: Muss man superschlau sein, um zu verstehen, dass Freihandel etwas Gutes ist?

Bhagwati: Nein, das nun auch nicht.

ZEIT: Das beruhigt mich. Warum ist die Globalisierung dann so unbeliebt?

Bhagwati: Einige Menschen in den Industrieländern, denen es nicht gut geht, suchen nach Gründen für ihre Probleme. Die individuell logischste Erklärung scheint vielen zu sein, dass der internationale Handel ihnen das angetan hat. Sie wählen dann zum Beispiel Donald Trump, weil er verspricht, notfalls wieder hohe Zölle zu erheben, um die heimische Industrie zu schützen. Dabei sind solche allgemeinen Zölle gefährlich. Sie führen direkt in den Protektionismus.

ZEIT: Was ist so schlimm am Protektionismus? Es ist doch menschlich, wenn man das schützt, was einem nah ist.

Bhagwati: Aber man schützt es ja gar nicht! Viele Leute sagen beispielsweise: Wir sollten exportieren, aber nicht importieren, denn Importe nehmen uns die Arbeit weg, und Exporte schaffen Arbeitsplätze. Das ist erstens unmöglich, weil es nicht geht, dass alle Länder nur exportieren. Zweitens ist es nicht wahr.

ZEIT: Wieso?

Bhagwati: Wenn man zum Beispiel Vorprodukte importiert und damit ein gutes Endprodukt herstellt, dann ist das der perfekte Weg, um Exporte zu steigern und Arbeitsplätze zu schaffen. In Indien, wo ich geboren und aufgewachsen bin, konnten wir früher nicht exportieren, weil wir nicht importieren durften. Wir hatten damals viele Lederprodukte, aber wir mussten uns auf lokal produzierte Reißverschlüsse verlassen wegen der protektionistischen Politik. Leider funktionierten die indischen Reißverschlüsse nicht richtig. Also wollte niemand unsere Lederprodukte kaufen. Hätten US-Politiker Jeans mit indischen Reißverschlüssen tragen müssen, dann hätten sie eine andere Meinung zum Freihandel.

ZEIT: Was würden Sie einem normalen Trump-Wähler erzählen, um ihn vom Freihandel zu überzeugen – jemandem, der China hasst?

Bhagwati: Wenn jemand China wirklich hasst, kann man das nicht ändern. Aber es gibt viele, die anders denken. Sie glauben, die Probleme unserer Arbeiter in der westlichen Welt entstünden vor allem durch den Freihandel. Bei denen muss man ansetzen.

ZEIT: Was wollen Sie ihnen erzählen? Die Globalisierung hat schließlich Arbeitsstellen vernichtet in der westlichen Welt, insbesondere in Industrien, die abgewandert sind in Billiglohnländer.

Bhagwati: Ich sage ihnen: Freihandel ist gut. Denn der Freihandel ist für diese Jobverluste überhaupt nicht verantwortlich.

ZEIT: Wie bitte?

Bhagwati: Freihandel ist ganz sicher nicht der Grund dafür, dass wir weniger typische Arbeiterjobs haben. Alle, die so denken, schauen nur nach China. Ja, China nimmt uns ein paar Arbeitsstellen weg. Aber in der ganzen Welt fallen typische Arbeiterstellen weg. Diese Diskussion hatten wir schon vor Jahren, sie kommt immer wieder zurück. Wissen Sie, ich habe das Gefühl, dass ich gerade mein ganzes Leben noch einmal durchlebe, während ich mit Ihnen spreche.

ZEIT: Ich weiß nicht, ob das ein Kompliment sein soll oder eine Beleidigung.

Bhagwati: Nein, nein, keine Beleidigung. Ich bin ja froh, dass wir miteinander reden. Die Leute verstehen die Mechanismen der globalen Wirtschaft nicht. Wir müssen sie ihnen besser erklären.