Was ist besser: gemeinsamer Unterricht oder spezielle Förderschulen, Inklusion oder Separation? Seit Jahren entzweit diese Frage die Schullandschaft. Die Diskussion, wie man Kindern mit besonderen Bedürfnissen am besten gerecht wird, betrifft aber nicht nur Schüler, denen das Lernen schwerfällt, sondern auch Schüler am anderen Ende des Leistungsspektrums: die außergewöhnlich Talentierten.

In normalen Schulen können sie ihre Fähigkeiten nicht optimal entwickeln. Spezielle Hochbegabtenschulen und Schnelllernerklassen sind deshalb der richtige Weg. Das ist die eine Sichtweise. Nein, lautet die Gegenposition, besonders leistungsstarke Schüler sollten überall zurechtkommen. Bleiben sie nur unter sich, drohen soziale Isolation und Elitedenken.

Geht es um die Schule, hält sich so ein Meinungsstreit normalerweise ziemlich hartnäckig. Der Grund: viel Ideologie, wenig Empirie. Im Fall der (hoch-)begabten Schüler ist das ausnahmsweise einmal anders. Würzburger Wissenschaftler um den Entwicklungspsychologen Wolfgang Schneider haben 16 Begabtenklassen an bayerischen und baden-württembergischen Gymnasien über Jahre begleitet und deren Schüler mit – ähnlich begabten – Alterskameraden aus gewöhnlichen Gymnasialklassen verglichen. Insgesamt nahmen 1.069 Schüler an der Untersuchung teil, 324 davon aus den Begabtenklassen. Jetzt haben Forscher ihren Abschlussbericht fertiggestellt, der der ZEIT vorliegt.

Das überraschende Ergebnis: Beide Lager haben unrecht. Demnach muss man keine Spezialklasse besuchen, um als besonders intelligenter Schüler viel zu lernen. Aber man wird auch nicht zum sozial abgekapselten Sonderling, wenn man es dennoch tut.

Jahrzehntelang spielte die Förderung begabter Schüler in Deutschland keine Rolle. In der nationalen Bildungsdebatte kam das Thema kaum vor. Die Ignoranz hat Folgen: Bei den Pisa-Vergleichen schaffen es nur wenige deutsche Schüler in die obersten Leistungsstufen. Daran will die Bildungspolitik nun etwas ändern. Vergangenes Jahr hat die Kultusministerkonferenz (KMK) eine "Förderstrategie" veröffentlicht, um leistungsstarke Schüler besser zu unterstützen. Bald will die KMK erklären, wie sie das konkret erreichen will – und wie viel zusätzliches Geld für die Bestenförderung zur Verfügung steht.

Die Würzburger PULSS-Studie (Projekt zur Untersuchung des Lernens in der Sekundarstufe) kommt also zur rechten Zeit. Die Forscher testeten die Schüler dabei in zwei Wellen, im Zeitraum der fünften bis siebten Klasse sowie am Ende der zehnten Klasse. Die Ergebnisse der ersten Welle, die 2012 erschienen, verbuchten die Verfechter des separierenden Lernens weitgehend für sich. Ob in Deutsch, Mathematik, Englisch oder Biologie: In allen geprüften Fächern zeigten die Schüler der Begabtenklassen bessere Leistungen als die vergleichbaren Kinder (IQ über 120), die in Regelklassen unterrichtet wurden.

Studienleiter Wolfgang Schneider folgerte, dass die Spezialklassen an Gymnasien klare Vorteile hätten. Überall dort, wo es eine genügend große Nachfrage seitens der Eltern gäbe – also vor allem in Großstädten –, sei ihre Einrichtung "empfehlenswert". Besonders im bayerischen Kultusministerium, wo man mit der "Eliteförderung" von jeher keine Probleme hat, war die Freude groß.