Der starre Leib der Einlassdienerin spiegelt in güldnem Chrom, halb versteckt im schwarz-weißen Dress – eine dubiose Kreatur, wie’s scheint. Gleich im ersten Saal dann der Schminktisch einer Künstlergarderobe: der Spiegel, von Glühbirnen umsteckt, ein umgestürzter Chromstuhl davor, eine Clownsnase neben dem Schminkzeug; von der Decke baumelt ein Strick, dessen Henkerschlinge sich im Spiegel verdoppelt. Die Story, arrangiert vom Künstlerduo Elmgreen & Dragset, ist so einleuchtend wie platt wie reizend. Tragisch und komisch in einem. Oder sagen wir: effektvoll, mit starkem Oberflächenglanz. An den Wänden dazu die wunderschönen Herren-Damen, die Dragqueens der Fotografin Nan Goldin – aber können Bilder dergestalt flirrender Metawesen anders als hinreißend und blickaufsaugend geraten?

Der Reiz der Verkleidung und Enthüllung, der Sinnestäuschung und der vertauschten Sinnlichkeit ist das Hauptthema dieser amüsanten Exposition in der Kunsthalle München, wo zuletzt der uns sträflich unbekannte spanische Impressionist Joaquín Sorolla mit großem Erfolg gezeigt wurde, davor aber die Welt Jean Paul Gaultiers, dessen Laufstegtheater auch schon den Titel Inszeniert! hätte tragen können.

"Die ganze Welt ist Bühne / und alle Fraun und Männer bloße Spieler" hat Karsten Löckemann, der Kurator der Ausstellung, als Motto gewählt und dann beidhändig geschöpft aus dem freizügig zur Verfügung gestellten Schatz der Sammlerin Ingvild Goetz, die mit etwa 6.000 Objekten die wohl größte Kollektion zeitgenössischer Kunst zusammengetragen hat. Versteht sich, dass Löckemann nicht auf Weltberühmtheiten wie Matthew Barneys Cremaster 1–5 verzichten wollte (dessen Videoszenen dabei sechs Stunden, bis weit übers Abwinken hinaus, füllen), nicht auf Cindy Shermans Selfie-Rollenspiele und keinesfalls auf Ulrike Ottingers Freak Orlando von 1981, der mit Spielfilmlänge einst in Kunstkinos vorgeführt wurde. Noch immer ist er fantastisch, eine Bilderorgie des Wahnsinns von Religionen und Kulten, Eros und Sexualität, quer durch die Hoch-Zeiten unsrer Kultur (mit Eddie Constantine und der damals durch die Filmavantgarde irrlichternden Magdalena Montezuma als Orlando).

Natürlich denkt man bei den Begriffen "Orgie und Kult" an Nitsch, Brus, Muehl, an all die Aktionisten der siebziger Jahre, bei denen sich Malerei, Film und Theater, Tanz, Oper und Puppenspiele überlagerten und durchdrangen, nicht anders als die Geschlechterrollen, die Glaubensrituale, die Vertauschbarkeit von Realität und Illusion. Die Historie des Inszenierens näher zu untersuchen und darzulegen, vermeidet die Münchner Ausstellung, indem sie sich auf das Angebot der Sammlung Goetz beschränkt (ohne dies dem Besucher deutlich zu machen). Unter dem Titel Spektakel und Rollenspiel in der Gegenwartskunst wären sonst durchaus Exkursionen zu (beispielsweise) Christoph Schlingensief und Marina Abramović sinnvoll gewesen, ebenso wie zu den Fakes, unseren aktuellen Diskussionen über Fälschung und Inszenierung (von Capras Soldatentod bis zu heutigen Facebook-Lügen).

Aber gut, die Ausstellung will nicht belehren, sondern unterhalten und aparte Bilder vorzeigen. Und das gelingt ihr vorzüglich. So sehen wir nun – einfach, weil’s so schön ist – ein Cinemascopefoto von Andreas Gursky (mit den bekannten Menschenmassen), Candida Höfers strenge Interieurs von Prachtsälen, Jeff Walls Breitwandfoto Restoration, dessen Leuchtkraft einfach mitreißend ist. Es gibt Fotos trostlos leerer Theatersäle in China, schauderhaft missbrauchter Theater in Detroit (wo im bröckelnden Pomp neobarocker Auditorien Autos garagieren), und zum Munterwerden zeigen uns Laurie Simmons’ Videos Tanzende Torten und singende Ballettpüppchen (mit Meryl Streep!).

Etwa 90 Arbeiten von 20 Künstlern sind erwählt worden, auch Jürgen Klauke ist dabei mit einigen seiner schrägen Self Performance-Fotos, ein Dragking, mit umgeschnallten Genitalobjekten (was es von ihm noch wilder in Farbe gäbe), und Mike Kelley hat ein Stübchen mit moosgrünem Prunksessel, der verlassen vor schwarz-roten Samtvorhängen kreist, wozu der kreidig geschminkte Kelly als Lonely Vampire per Video durch einen Spalt im Vorhang singt. Sehr traurig, sehr komisch.

Glücklicherweise gibt es mehrere Kabuffs und extra gebaute Minitheater auf diesem Jahrmarkt der Illusionen und Frivolitäten. So gleich zwei Szenerien der Kanadier Cardiff & Miller, die beide mit perfekt abgemischten Geräuschkulissen (per Kopfhörer) und dazu eingespielten Videoprojektionen arbeiten. Zum einen kann man im Playhouse – einer Solokabine! – einer scheinbar weit entfernten Opernsängerin, die winzig klein und real gefilmt dort unten an der Rampe steht, bei einer Arie zuhören, gleichzeitig aber seltsame Krimidialoge im Kopfhörer verfolgen; zum andern, wenngleich ähnlich, gibt’s für etwa 15 Hörer einen Kinosaal mit knuspernden Popcornnachbarn und bestürzendem Gemenge aus Publikums- und Kinodialogen, very crazy, indeed  ...

Schließlich, mein Favorit, Hans Op de Beecks bezauberndes Video-Schatten-Figuren-Taschentheater mit dem Titel Staging Silence. Magie des Lichts, der Objekte, der Verschiebung unsrer Wahrnehmung mittels kleiner, aber übermächtiger Veränderungen. Im Varieté-Jargon gesagt: "Das muss man gesehn haben, da muss man dabei gewesen sein. Da freut sich die ganze Familie! Kommen Sie, gleich ist Anfang und Beginn" – noch bis zum 6. November!