Jason Njoku entschuldigt sich für die Verspätung. Er plumpst auf ein Sofa im Großraum, gleich neben den langen Tischreihen seiner Mitarbeiter, und wischt sich die Schweißperlen von der Stirn. "Ich hab gerade anderthalb Stunden für die Strecke gebraucht, die ich sonst in zwanzig Minuten fahre", sagt er. "Diese Stadt bringt mich manchmal um den Verstand." Jason Njoku ist Unternehmer, ein Mann von massiver Statur, 36 Jahre alt. Er spricht leise, mit britischem Akzent, er ist in London aufgewachsen. "Inzwischen bin ich schon sechs Jahre in Lagos – und fühle mich immer noch etwas verloren", sagt Njoku.

Die Autos in Nigerias Megastadt Lagos stauen sich kilometerweit. Die Geschäfte aber laufen an allen Staus vorbei: mit rasender Geschwindigkeit. Vor zwei Jahren hat Nigeria den Wirtschaftsriesen Südafrika überholt, heute hat es die größte Volkswirtschaft des afrikanischen Kontinents. Die Industrie boomt, auch die Filmindustrie. Fast unbemerkt vom Rest der Welt ist in Nigeria seit Ende der neunziger Jahre ein Filmbusiness entstanden, das heute rund eine Million Menschen beschäftigt und jedes Jahr bis zu 2.000 Spielfilme produziert – mehr als Hollywood. Nigerias Traumfabrik macht 1,4 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Und sie hat einen Namen: Nollywood.

Jeden Tag saß Njokus Mutter vor dem Fernseher und guckte Seifenopern

Ihre Stars heißen Genevieve Nnaji oder Ramsey Nouah, sie rollen in Stretchlimousinen und Luxusroben zu den Premierenfeiern an. Jason Njoku ist in diesem Geschäft ganz vorne mit dabei. In nicht einmal sechs Jahren ist er zum wichtigsten Onlinevertreiber für nigerianische Filme aufgestiegen. Iroko heißt sein Unternehmen, es ist eine Art nigerianisches Netflix. Auf der ganzen Welt werden über die Plattform Filme abgerufen, allein im vergangenen Jahr geschah das 300 Millionen Mal. Iroko hält die Streamingrechte an rund 6.000 nigerianischen Filmen, deutlich mehr als die nachrückende Konkurrenz. Rund 35 Millionen Dollar bekam das Unternehmen bislang von Investoren, so viel wie kaum ein anderes Tech-Start-up in Afrika.

Njoku ist kein Kapuzenpullinerd. Er trägt ein traditionelles nigerianisches Outfit, ein kragenloses hellgraues Hemd, das über der leichten Baumwollhose herunterhängt. Eines aber verbindet ihn mit den Start-up-Größen aus Kalifornien: Bevor er Millionär wurde, hatte Njoku unzählige Ideen – und jede Menge Pech. Während seines Chemiestudiums in Manchester gründete er eine Studentenzeitschrift, die zwar beliebt war, aber kein Geld abwarf. Er bastelte eine Newswebsite für Banker, aber er startete sie just in jener Woche, in der die Investmentbank Lehman Brothers pleiteging und die Welt in die Finanzkrise stürzte. "Die Idee war gut, das Timing miserabel", sagt Njoku. Heute lacht er darüber. Damals verlor er so viel Geld, dass er seine Miete nicht mehr zahlen konnte. Er zog zurück zu seiner Mutter, in eine kleine Londoner Wohnung in einem Arbeiterviertel, in dem viele Nigerianer leben. "Ich war ein Loser", sagt er heute. "Ich habe mich echt geschämt."

Njoku kehrte zu seiner Mutter zurück – und zu seinen nigerianischen Wurzeln. Jeden Tag saß seine Mutter vor dem Fernseher und guckte Filme und Seifenopern, nicht die britischen, sondern die aus Nigeria. Auf ihrem Bildschirm lief nicht Leonardo DiCaprio, sondern Richard Mofe Damijo, der große Held des nigerianischen Kinos. Die Filme kaufte Njokus Mutter auf dem Brixton-Markt, auf Video-CD, der Billgvariante der DVD. Njoku roch ein Geschäft. "Ich wollte der Sache nachgehen und flog nach Lagos", erinnert er sich.

Lagos ist ein Moloch, mit täglichen Stromausfällen, korrupter Bürokratie, kollabierendem Verkehr. 18 Millionen Einwohner leben hier, jeden Morgen strömen Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen in kleinen gelben Bussen aus den Vororten ins Geschäftszentrum. Dort, im Süden der Stadt, stehen die verspiegelten Hochhäuser der Banken, flankiert von Wellblechhütten und riesigen Freiluftmärkten. Oben auf den Wolkenkratzern blinken die Logos der großen Banken, unten auf der Straße verkaufen die Händler Zigaretten, Handyladegeräte – und Video-CDs.

Die meisten nigerianischen Filme haben winzige Budgets, sie kosten um die 10.000 bis 25.000 Dollar und werden in gerade mal einer Woche gedreht. Sie erzählen Geschichten aus dem nigerianischen Alltag, von einfachen Leuten, von Ehekrisen und Seitensprüngen, von Betrug, Erpressung und Gewalt. Geschichten, in denen viel gelacht und viel gestritten wird, voll Drama und großen Gesten.

Damals, als Njoku nach Lagos kam, wurden die fertigen Streifen auf Video-CDs kopiert und auf den Märkten verkauft, Kinos waren rar. Andere Vertriebswege gab es kaum. Njoku beschloss, das zu ändern. Er wollte versuchen, die Filme übers Internet zu verkaufen. Die Idee für IrokoTV war geboren. Jetzt fehlte nur noch das Geld.