Wer über Musik schreibt und sie zu verstehen versucht, der rettet sich, wenn er nicht mehr weiterweiß, gern in einen obskuren Biologismus. Da pumpt dem Latino der Rhythmus im Herzen, fließt dem Afrikaner der Beat im Blut – und ist der Schweizer, der Aargauer, der Berner, der Schaffhauser, qua seiner Herkunft nicht in der Lage, ein komplexes synkopiertes Pattern zu schlagen.

Wieso aber sitzt dann, wenn am kommenden Mittwoch das 42. Jazz Festival Willisau beginnt, gleich bei sieben Bands, Gruppen, Projekten ein Schweizer hinter dem Schlagzeug?

Nämlich Michel Barengo, Gregor Hilbe, Alex Huber, Mario Hänni, Maxime Paratte, Fredy Studer und Lionel Friedli.

Wieso bringt das Land einen großartigen Drummer nach dem anderen hervor – und das seit Jahrzehnten? Daniel Humair – zack! Pierre Favre – tschäng! Fritz Hauser – plong! Lucas Niggli – bumm!

Ein Erklärungsversuch.

Die Armeespiele machen die Schweizer zu guten Trommlern.

Arno Troxler organisiert das Jazz Festival in Willisau. Sein Onkel Niklaus hat es einst gegründet. Und Troxler jr. ist selbst Drummer. "Mein ganzes Leben dreht sich ums Schlagzeug", sagt er. Ohne ironischen Unterton. Also, was macht die Schweizer zu guten Trommlern? Troxler nennt: die Tradition der Tambouren. Sie helfe, sich die Grundtechniken anzutrainieren. Nur, typisch schweizerisch sei das Tambourspiel nicht. In seiner heutigen Form stammt es aus den USA. Von den über 40 sogenannten Rudiments, den Übungsstücken für die Marschtrommel, stammt mit dem Swiss Army Triplet ein einziges aus der Schweiz.

Trotzdem, die Tambouren haben manchen Schweizer Top-Schlagzeuger geformt. Auch Fredy Studer, mit Jahrgang 1948 ein Doyen der Szene. Er war mit seiner Rockjazz-Gruppe OM bereits 1975 beim ersten Festival in Willisau dabei und stand seither im Luzerner Hinterland über 20-mal auf der Bühne. Dieses Jahr spielt er mit Phall Fatale. Als Kind hat er in Basel das Trommeln gelernt, das Schlagzeug hat er sich als Autodidakt selbst beigebracht. Für Studer ist klar: Es gibt in der Schweiz viele gute Drummer. Aber er sagt ebenso: "Die gibt es auch anderswo, und es gibt bei uns auch viele gute Musiker, die nicht Drummer sind." Sowieso besitze die Schweiz, wie der gesamte deutschsprachige Alpenraum, eine "rhythmisch eher armselige Volksmusik" – verglichen etwa mit den Urklängen aus Italien, dem Balkan, Ungarn oder Irland.

Die Uhrmachertradition lässt die Schweizer wie Metronome spielen.

Wie gesagt: Musikjournalisten suchen nach eindeutigen Erklärungen. So behaupten sie, eine Erklärung für die in der Schweiz weit verbreitete Liebe zu Rhythmus und Takt sei in der Tradition der Schweizer Uhrmacherkunst zu suchen. Tick, tack, bumm, tschäk! Die Schweizer, auch beim Musizieren so präzise wie eine Omega. Nicht die feurigen Rhythmen, sondern das präzise Metronom haben sie in den Genen.

Arno Troxler schmunzelt. Gewiss, der kulturelle Background eines Musikers beeinflusse dessen Umgang mit Rhythmen. Er selbst habe beobachtet, wie unterschiedlich das Publikum je nach Land auf dieselbe Musik reagiere: "Bei uns klatschen alle auf eins und drei; in den USA und Afrika aber auf zwei und vier, weil das zu Gospel und Blues passt." Das habe mit dem Grundgefühl für Rhythmen zu tun. Den Hörerfahrungen. Und diese orientieren sich in Teilen Westeuropas und besonders auch in der Schweiz stark am Viervierteltakt. Während andernorts Offbeats und ungerade Tempi populär seien. Deshalb reisen zum Beispiel Schweizer Schlagzeuger bis nach Südindien, um dort bei einem Tabla-Meister die komplexen Rhythmen zu lernen. Nicht auf dem Instrument, viel zu kompliziert, sondern nur mit Händeklatschen oder Singen.

Die Schweizer haben genügend Platz zu Hause für ein Drum-Kit.

Aber irgendetwas muss dran sein am Flair der Schweizer für das Schlagzeug. Immerhin zeigt ein Blick in die Statistik der Musikschulen: Nach den Klassikern Klavier und Gitarre, die rund 60 Prozent der Schüler wählen, folgt in der Hitparade der beliebtesten Instrumente das Schlagzeug an sechster Stelle – kurz hinter der Violine, der Blockflöte und dem Gesang.

An den über 400 Musikschulen lassen sich pro Jahr mehr als 8.000 Schüler am Schlagzeug ausbilden, rund 3500 erlernen klassisches Orchestertrommeln. Jährlich gibt es also 11.500 neue Schlagzeuger, die Autodidakten sind dabei nicht mitgezählt. Einige Hundert studieren ihr Instrument schließlich an einer Hochschule. Von solchen Zahlen können die Querflöten-, Trompeten- oder Klarinetten-Szenen nur träumen. Ja, das Schlagzeug übertrumpft sogar traditionelle Instrumente wie das Akkordeon oder das Schwyzerörgeli – und zwar um Längen.