Es musste sein. Das Jahr 2016 steht im Gedenken an die verwegene und so schrecklich erfolglose Revolution der Iren gegen das britische Empire. Hundert Jahre nach den Aufständen des Aprils 1916, in denen Hunderte britischer Soldaten starben und über 1000 Iren und 20 Anführer anschließend hingerichtet wurden, ist es Zeit, an die ebenfalls verwegene, sehr farbige, märchenhaft versponnene Heldin Maud Gonne zu erinnern. Irlands Wunderwaffe. Eine Engländerin! Eins achtzig groß, sehr blond. Starke Kinnlinie, flammende Augen. Maud Gonne, die Offizierstochter, war gefühlsmäßig in den Elendsquartieren Irlands beheimatet, modisch allerdings in Paris: Tweed aus Donegal, als Haute Couture! Eine Frau, die wie Pallas Athene mit federgeschmücktem Hut auftrat und Porridge an barfüßige, hungernde Kinder austeilte und die der größte der irischen Dichter, W. Butler Yeats, bis zum Wahnsinn liebte, vergeblich. Eine Horrorfigur der britischen Kolonialherrscher. Gonne agitierte gegen die Briten auf den Straßen und Plätzen von Irland und in ganz Europa bis hin nach Amerika. Maud Gonne war zäh und langlebig; als sie am 27. April 1953 starb, war sie 87 Jahre alt.

Maud Gonne ist also das perfekte Thema für eine lebhafte Erzählung, die Reinkarnation der mythischen irischen Heldin, weshalb sie in Yeats’ Revolutionsdrama Cathleen ni Houlihan von 1902 die Hauptrolle spielte, eine Art Marianne des freien Irlands. Elsemarie Maletzke ihrerseits ist ein Glücksfall für die Biografik. In Hessen 1947 geboren, war Maletzke nahe genug an Frankfurt platziert, um sich mit F. K. Waechter und Hans Traxler oder Robert Gernhardt zu befreunden, dies allein die perfekte Frankfurter Schule des Scharfsinns und Witzes. Maletzke war Redakteurin des Satiremagazins Titanic, Autorin für Pardon und den Pflasterstrand , sie schreibt auch für die ZEIT. Sie hat ein Jahr lang in Irland unterrichtet, der angelsächsische Gestus, in seiner Verbindung von Spott und Tiefsinn, liegt ihr im Blut. Wir verdanken Maletzke brillante Biografien der Brontë-Schwestern, ein Werk über Jane Austen, eine Erzählung über die Liebe zwischen den Dichtern Elizabeth Barrett-Browning und Robert Browning sowie eine kluge Biografie der anglo-irischen Autorin Elizabeth Bowen. Und jetzt also Maud Gonne, die gleich auf Seite eins als "heilige Kuh der Revolution" eingeführt wird – man trifft sie als alte Schachtel, vor dem Kamin, inmitten einer Menagerie aus Katzen, Hunden, Vögeln, typischerweise qualmend.

Maletzke wahrt zu ihrer Figur eine kluge, meist ironisch akzentuierte Distanz. Die Rekonstruktion des irrlichternden Lebenslaufs ist akribisch, sie zeigt den fast kindlichen wahnwitzigen Furor dieser Person, wie sie sich, umwallt von Haschischwölkchen, auch mal verrennt, bis hin zu nationalistischen Leidenschaften und antisemitischen Neigungen. Das Buch zeichnet große historische Bögen und en passant herzzerreißende Tableaus des verelendeten Irlands, wo die vertriebenen Bauern in Erdlöchern hausen, wahlweise in städtischen Bruchbuden inmitten wimmelnden Ungeziefers. Maud Gonne pflegte eine Liaison mit einem Franzosen und wurde ledige Mutter und heiratete dann einen irischen Helden, der sich als trinkender Tyrann erwies. An ihrer vom Volk verehrten und doch einsamen Gestalt lässt sich auch ein wenig Frauengeschichte zeigen. Ihr Motto "Wenn man keine Angst hat, kann einem nichts passieren" stammte übrigens vom Vater, der sie auch jagen und schießen lehrte. Vielleicht das Schönste an diesem Buch: dass es das Leben in seiner absurden Widersprüchlichkeit feiert.

Elsemarie Maletzke: Maud Gonne. Ein Leben für Irland. Insel Verlag, Berlin 2016; 319 S., 24,95 €, als E-Book 21,99 €