Dass Elena Ferrante nach dem Erscheinen ihres Romans Meine geniale Freundin in Deutschland Furore machen wird, ist so sicher wie der Regen in Hamburg. Um das vorherzusagen, braucht es keine besonderen prophetischen Kräfte. Denn Millionen Leser und vor allem Leserinnen in halb Europa und den USA liegen der italienischen Autorin seit Jahren zu Füßen. Schwieriger ist es zu erklären, warum die Begeisterung für die im Verborgenen lebende Autorin bisher um Deutschland einen Bogen gemacht hat, obwohl drei ihrer frühen Romane – mitleidslose Geschichten von verwirrten und aus der Welt gefallenen Ehefrauen und Töchtern – bereits vor Jahren hier erschienen sind. Hat die unternehmungslustige deutsche Literaturkritik, angesichts der hartnäckigen Weigerung der Autorin, Kritiker zum Tee zu bitten und ihren wahren Namen preiszugeben, das Heranreifen einer großartigen neuen Stimme übersehen? Mag sein. Möglicherweise bestand in Deutschland aber auch kein Bedarf an weiteren Frauenromanen, in denen die Seelenreste einer an den Männern zerschellten Weiblichkeit zusammengekehrt werden. Die Autorin, die sich in ihren zahlreichen schriftlichen Interviews und Kommentaren zu ihrem Werk ausdrücklich zur feministischen Poetik der Kulturtheoretikerin Luce Irigaray und einer "weiblichen Schreibweise" bekennt, konnte sich jedenfalls im Hoheitsgebiet von Ingeborg Bachmann, Herta Müller und Elfriede Jelinek bisher nicht durchsetzen.

Dem unheimlichen Sog des vierbändigen neapolitanischen Romanzyklus Meine geniale Freundin, dessen erster Band jetzt auf Deutsch erscheint, wird man sich dennoch nicht entziehen können, denn er ist von einem ganz anderen Kaliber als die Kammerspiele des Frühwerks. Auf rund 1.700 Seiten, die im Original zwischen 2011 und 2014 erschienen sind, entfaltet er ein derart personenreiches und weitgespanntes Tableau der vergangenen sechs Nachkriegsjahrzehnte aus weiblicher Sicht, dass man sagen kann: Hier wird europäische Geschichte zum ersten Mal im großen Stil als weibliche Nahgeschichte erzählt. Ein epochales literaturgeschichtliches Ereignis, in dem Männer durchaus ihren Platz haben – in glanzvollen Nebenrollen.

Im Zentrum dieses Zyklus und des überschaubaren neapolitanischen Weltausschnitts, den der erste Band Haus für Haus, Familie für Familie mikrogeschichtsartig bearbeitet, stehen zwei Frauen, die versuchen, ihn zu begreifen und ihm zu entkommen. Die 66-jährige Schriftstellerin Elena Greco erzählt an ihrem Turiner Schreibtisch detailreich, unsentimental und in bezwingender Einfachheit die Geschichte ihrer sechs Jahrzehnte währenden Freundschaft mit der gleichaltrigen Schustertochter Raffaella Cerullo, genant Lila – ein Jahrhundertporträt im Spiegel zweier Frauenleben, angefangen bei der gemeinsamen Kindheit und Jugend in einem neapolitanischen Arbeitervorort der fünfziger Jahre, in dem Töchter verprügelt und an den solventesten Freier im Kiez verhökert werden, über Hochzeit, Mutterschaft und Scheidung bis zum rätselhaften spurlosen Verschwinden der Freundin. Keinen der vier Bände wird man allein beurteilen können, denn im Grunde ist die gesamte Tetralogie, deren einzelne Bände durch Cliffhanger verbunden sind (die Verfilmung der Serie ist schon in Arbeit), ein einziges Buch über die Zerbrechlichkeit weiblicher Selbstentwürfe. Jede der beiden Freundinnen wird auf ihre Art scheitern, die beflissene Elena wird die höhere Schule besuchen, vom Morgengrauen bis spät nachts pauken und am Ende den Romanzyklus über ihre verschwundene Freundin schreiben; die unzähmbare Lila wird von ihrem Vater aus dem Fenster geworfen, als sie zur höheren Schule möchte, und heiratet mit 16 den Lebensmittelhändler des Viertels. Diese beiden Lebensentwürfe gehören zusammen wie zwei Seelen in einer Brust, sie repräsentieren die beiden klassischen Fluchtwege aus dem Drama eines traditionellen Frauenlebens: Der eine führt über die Bildung zu Wohlstand und Anerkennung, der andere über eine vorteilhafte Heirat. Beide Mädchen planen schon in der Grundschule, dem Armenviertel und seiner tagtäglichen Brutalität zu entkommen. Aber nur eine schafft den Aufstieg durch Anpassung und verbissenen Fleiß, indem sie die andere in ihr und damit alles Lebendige und Unberechenbare domestiziert.

Diese Auslöschung ist das bittere Zentralmotiv des gesamten Zyklus, was den gelegentlich vorgetragenen Verdacht entkräftet, es könne sich bei diesem weiblichen Bildungsroman womöglich nur um clever gemachte Gebrauchsware handeln. Der Tag, an dem die begabte Lila, die sich mit drei oder vier Jahren das Lesen beigebracht hat, aus dem Fenster stürzt, ist der klassische Wendepunkt einer Tragödie, an dem die Jungmädchenblütenträume in zwei Hälften zerbrechen, die nie mehr zusammenfinden werden. Wobei lange nicht sicher ist, welche der beiden Freundinnen schlechter abschneidet: Elena, die emanzipierte Aufsteiger-Autorin, die ihre Wurzel und ihre innere Wahrheit verloren hat. Oder ihr zurückgelassenes Alter ego, das seine Eigenständigkeit im Sud traditioneller Familienbeziehungen einbüßt und am Ende alle persönlichen Lebensspuren vernichtet. Sogar aus den Familienfotos wird Lila sich mit der Schere herausschneiden.

Elena Ferrante erzählt von beidem: von dem Preis, den die Frauen des 20. Jahrhunderts für ihren Aufstieg in der Männergesellschaft bezahlt haben. Und von der Selbstzerstörung jener Frauen, denen dieser Aufstieg missglückte. "Keiner wusste besser als ich", wird ihre Erzählerin später einmal sagen, "was es bedeutete, seinen Kopf gegen einen Männerkopf einzutauschen, nur damit er in der Männerkultur akzeptiert wird." Lange Zeit hat auch Elena Ferrante nur im Geheimen geschrieben, ohne jede Absicht, ihre Werke je zu veröffentlichen. Die hartnäckige Weigerung, ihre wahre Identität preiszugeben (obwohl angeblich vieles dafür spricht, dass sich hinter ihrem Pseudonym eine neapolitanische Geschichtsprofessorin verbirgt), mag auf diesem weiblichen Unbehagen beruhen, immerzu der falsche Mensch in der falschen Rolle zu sein. Die demonstrative Unsichtbarkeit einer ganzen Generation bedeutender Nachkriegsautorinnen – man denke an Ilse Aichinger, Sarah Kirsch, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Agota Kristof, Helga M. Novak, die sich alle in irgendwelche Wälder und Schreib-Schneckenhäuser zurückgezogen haben – scheint ihr darin recht zu geben.

Dennoch setzen die beiden jungen Mädchen in ihrer von archaischen Geschlechterverhältnissen geprägten Umgebung im ersten Band der Serie alles daran, eine eigene Stimme zu finden. Lila schreibt noch in der Grundschule ein ganzes Buch, das niemanden interessiert. Elena verfasst Zeitungsartikel, die nie gedruckt werden. Dabei hat keine von beiden das berühmte Zimmer für sich allein, in dem weibliche Autorschaft angeblich am besten gedeiht. Im Gegenteil, beide leben in einer drangvollen Enge, in einem Wirrwarr von Stimmen, die durch sie hindurchziehen. Väter, Mütter, Kinder und Nachbarn bekämpfen sich bis aufs Messer, bewerfen sich mit Steinen und Feuerwerkskörpern, verprügeln sich, fluchen und schreien aus vollem Halse – das ausführliche Personenverzeichnis, das dem Roman vorangestellt ist, gibt eine Ahnung von den endlosen Verwicklungen, die sich aus alldem ergeben. Das meiste davon ist entsetzlich. Doch ist man noch nicht im friedlichen Single-Zeitalter angekommen, in dem man einander aus tiefstem Herzen gleichgültig ist. Der überwältigende Erfolg der Serie erklärt sich auch aus der nostalgischen Sehnsucht nach den brutwarmen, menschenwimmelnden Verhältnissen im alten Europa.

Der unbekannten Elena Ferrante ist ein großer Wurf gelungen. Unter dem leichten Gewebe ihrer makellosen Sätze pulsiert der Energiestrom unzähliger Träume von ungelebten Frauenleben. Die belebende Wirkung dieser neapolitanischen Weltgeschichte von Widerstand und Größe im Scheitern hält lange an. Wir werden die beiden Freundinnen nicht mehr vergessen. Mille grazie.

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Band 1 der neapolitanischen Saga; aus dem Ital. von Karin Krieger; Suhrkamp, Berlin 2016; 422 S.; 22,– €, als E-Book 18,99 €