Heute stehen viele der brutalistischen Bauten tatsächlich sehr urviecherhaft in den Städten herum. Und gerade diese Zeitenthobenheit war den Architekten wichtig. Sie träumten nicht von universal gültigen Formen wie die Avantgarde, dafür aber von einer Dauerhaftigkeit, an der alle Geschmacksfragen abprallen. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert waren ja die Gestaltungskonventionen brüchig geworden, niemand wusste mehr, wie eine schöne, richtige Fassade zu gestalten sei. "In welchem Style sollen wir bauen?", hatte ratlos schon Heinrich Hübsch gefragt, ein Architekt des 19. Jahrhunderts. Die späte, durchdringende Antwort der Brutalisten: In gar keinem Stil. Ihre Häuser sollten sein, was sie sind: Architektur der Unhinterfragbarkeit.

Gelingen sollte das vor allem dank des Materials – neben Beton gelegentlich auch Ziegel –, das so treu und wahrhaftig wie möglich einzusetzen war. Es galt, nichts unter Zierrat zu verstecken, nichts zu verputzen, die Konstruktion für alle sichtbar zu halten. Weil dem eigenen Ideal der Aufrichtigkeit selbst die Stromleitungen zu gehorchen hatten, unverborgen von Tapeten, fand die Architektur zu einer eigenen Form der Transparenz. Brutalistische Bauten sind durchschaubar, ohne durchsichtig zu sein – und entsprechen damit ziemlich genau den paradoxen Bedürfnissen vieler Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts, die sich nichts sehnlicher wünschen als undurchdringliche Offenherzigkeit.

Überhaupt ist es die große Stärke dieser Architektur, möglichst viele Widersprüche auf sich zu binden. Sie bricht mit den herkömmlichen Ideen von Schönheit und glänzt doch durch extreme Fotogenität. Sie wirkt erstarrt in Wehrhaftigkeit und will doch für ein unverkrustetes Leben werben. Ja, sie verlangt bei aller Stabilität nach Umsturz. Mit ihrer Anti-Architektur träumten die Planer von einer anti-bourgeoisen Gesellschaft. Entsprechend fand Arne Jacobsen, kein Brutalist, sondern ein Architekt der Eleganz, das Anliegen seiner Kollegen unerhört "romantisch".

Durchaus im Schillerschen Sinne glaubten viele an die befreiende Macht der Kunst, wenngleich sie von guter Form, von gepflegter Ästhetik und solchen Dingen eher wenig wissen wollten. Ihr "moralischer Kreuzzug für ein besseres Habitat" (der Theoretiker Reyner Banham) war nicht als Missionarswerk gedacht, nicht als Zwangsbeglückung des bekehrungsbedürftigen Volkes. Ganz im heutigen Sinne – Partizipation! – wollte man gemeinsam mit den Menschen für ein besseres Dasein streiten, auch wenn man nicht recht wusste, wie das eigentlich gehen sollte. Getragen aber von einem damals noch großzügigen Wohlfahrtsstaat, schienen die Bedingungen günstig, der Gesellschaft endlich zu Glück, Ordnung und dergleichen zu verhelfen.

Nicht zuletzt das macht ihre Bauten jetzt so attraktiv: In ihnen nistet der Glaube, die Moderne ließe sich mit modernen Mitteln überwinden. Sie zeigen sich ungelenk individuell, auf Nonkonformismus bedacht. Und träumen doch von neuen Kollektiven, davon, dass unter betonierten Hüllen jene Ganzheitlichkeit zurückkehrt, die der zonierten, zerschnittenen Stadt bis heute fehlt. Selbst für jene, denen die Formen des Brutalismus allzu grobkantig vorkommen, spricht aus diesen Häusern der Wunsch, noch einmal das große Ganze in den Blick zu nehmen. Eine Entschiedenheit, die heute, erdrückt von Sach- und Konsenszwängen, kaum mehr vorstellbar ist – und umso mehr Bewunderer findet.

Und noch etwas erscheint verlockend: die Trutzigkeit dieser Bauten. Sie verkörpern selbstgewiss einen Anspruch auf Schutz, und wenn Architekturforscher meinen, dass viele Planer der Nachkriegszeit noch unter den Schutt-und-Asche-Bildern des Krieges litten und also ihre burgigen Entwürfe von schweren Traumata künden, so mag das unbewusst auch für unsere Zeiten attraktiv sein. Wenn die Welt aus den Fugen ist, wie es jetzt immer heißt, dann scheint Beton ein Versprechen auf Unerschütterlichkeit – Brutalismus als Krisenerlösungsgarant.

Die geschleckte Bauwelt von heute bietet jedenfalls wenig Halt, wenig Geheimnis, wenig höhlenhafte Gegenwelt. Sie kennt allenfalls überfeinerte Askese, nicht aber die utopische Hoffnung, in der schieren Substanz könne sich substanzielles Leben einhausen. Allerdings scheinen auch die meisten neuen Liebhaber des Brutalismus nicht ernsthaft an dieses ideelle Fundament zu glauben, jedenfalls hat man noch nicht davon gehört, dass scharenweise junge Leute hinaus in die bulligen Betonreviere zögen, um sich dort den Reizen des Rohen leibhaftig und dauerhaft auszusetzen. Die Direktheit dieser Architektur, auch das eine ihrer Paradoxien, wird lieber medialisiert genossen.

Das mag auch daran liegen, dass der fotografierte Brutalismus stets heroischer wirkt als der reale. Dieser hat unter Wind und Wetter schwer gelitten, der Beton will nicht altern, er zerfällt: zeigt Risse, abgeplatzte Kanten, rostende Armierungseisen und ist am Ende als Krimikulisse besser geeignet als für ein Leben im Tinder-Modus.

Jedenfalls lässt sich der Verdacht, der Brutalismus-Hype verdanke sich einzig einer kulturellen, auf primitivistische Affekte bedachten Elite, nicht leicht entkräften. War es den Architekten einst um eine Gegenkultur gegangen – everyday statt high culture! –, ist es nun mehrheitlich die gebildete, urbane Klasse der sogenannten Kreativen, die den Brutalismus verehrt, von bodennaher Alltäglichkeit aber nur wenig hält. Analog zur "Siegerkunst", ein Begriff des Theoretikers Wolfgang Ullrich, ließe sich von Siegerarchitektur sprechen, weil sich primär jene dafür erwärmen, die auf der stärkeren Seite der Gesellschaft stehen und dem Rest der Welt mit ihrer Liebe zur Rauheit signalisieren: Wir haben die nötigen Nehmerqualitäten, wir halten es aus, auch mit der ärgsten Ungestalt im Rücken. Hingegen hält sich dort, wo Menschen im Brutalismus tatsächlich wohnen müssen, die Euphorie in engen Grenzen: In Robin Hood Gardens verlangten zuletzt 75 Prozent der Bewohner den raschen Abriss.

Müssen sie also weg? Sollen die Betongetüme weichen, weil eh nur ein paar Ästhetizisten daran Gefallen finden? Vielleicht muss man kurz daran erinnern, dass auch Gotik und Barock zunächst Schimpfbegriffe waren, weil nachfolgende Generationen erst mal wenig mit den Bauten dieser Epochen anzufangen wussten. Ähnlich könnte es den brutalistischen Zeugnissen der Nachkriegszeit ergehen: dass ihr markanter Eigensinn erst spät erkannt und geschätzt werden wird. Dafür allerdings müsste man die Bauten erstens stehen lassen. Zweitens müsste man sie weit besser pflegen. Drittens sie vom Ghettoverdacht befreien, durch kluge Wohnungsvergabe und auch dadurch, dass all jene, die den Brutalismus bislang als Coffeetable-Phänomen zu schätzen wissen, sich aufmachen und die ersehnte raue Wirklichkeit zu ihrer eigenen machen.

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