Heute produzieren Popsänger zu ihren Alben aufwendige Kunstfilme, sie geben sich politisch und sind einzigartige Künstler. Doch vor dieser der digitalen Individualitätskultur angepassten Pop-Phase herrschten in den Neunzigern noch die Massenbands. Ihr wichtigster Schöpfer, der Musikproduzent Lou Pearlman, ist vergangenen Freitag im Alter von 62 in einem Gefängnis in Texas verstorben.

Pearlman war berühmt und vor allem reich damit geworden, sogenannte Boygroups herzustellen wie eine Detroiter Fabrik Fords. Und wie die Autos von Ford waren auch Pearlmans Musikgruppen billige, standardisierte Massenware vom Fließband, für Menschen ohne viel ästhetisches Empfinden. Nachdem der in armen Verhältnissen in Queens aufgewachsene Pearlman den Erfolg der frühen Boygroup New Kids on the Block erlebt hatte, entschied er sich, groß ins Musikgeschäft einzusteigen. Er fand eine einfache Formel: Er stellte fünf verschiedene Typen zu einer Band zusammen – den unschuldigen Mädchenschwarm, den sexuellen Mädchenschwarm, den bad boy, den perfekten Schwiegersohn und den Klassenclown. Dafür suchte er in Zeitungsannoncen nach jungen Männern, "die sich gut bewegen können". So entstanden die Backstreet Boys, die erfolgreichste Boyband aller Zeiten. Mit *NSYNC wiederholte Pearlman das Schema und schuf ein Musikimperium. Gefragt, wann der Boygroup-Trend vorbei sein werde, antwortete er einmal: "Wenn Gott aufhört, kleine Mädchen zu machen." Es folgten O-Town, US5, Natural und viele andere, bald vergessene Bands.

Nach Pearlmans Tod meldeten sich seine ehemaligen Zöglinge auf Twitter zu Wort. Justin Timberlake schrieb: "Gott segne ihn, RIP, Lou Pearlman." Und Lance Bass, Timberlands früherer Kollege bei *NSYNC, ließ wissen: "Er mag kein aufrichtiger Geschäftsmann gewesen sein, aber ohne ihn würde ich heute nicht tun, was ich liebe." So viel positive Würdigung erstaunt. Alle von Pearlman vertretenen Bands haben ihn verklagt – und gewonnen. Die Backstreet Boys verdienten trotz 150 Millionen verkaufter Platten lediglich 300.000 Dollar, während Pearlman Millionen scheffelte. Später erschwindelte er sich 300 Millionen Dollar, indem er Kleinanleger davon überzeugte, in eine Fluggesellschaft zu investieren, die es gar nicht gab. Als der Schwindel aufflog, floh Pearlman nach Indonesien. 2007 wurde er in einem Hotel auf Bali verhaftet und anschließend in den USA zu einer 25-jährigen Haftstrafe verurteilt. Vom ergaunerten Geld war da bereits nichts mehr übrig.