Nach dem Dreifach-Triumph der "Alternative für Deutschland" im Frühjahr 2016 wurde die etablierte Politik wieder von den üblichen Reflexen beherrscht. Trotz des beispiellosen Absturzes der SPD, trotz der sensationellen Tatsache, dass die beiden "Volks"-Parteien CDU und SPD in Ost und West nicht mal mehr gemeinsam stark genug waren, um eine Mehrheit in den Parlamenten zu stellen, lautete die kleinmütige Botschaft der Bundesregierung: Weiter so. Hier und da wurden Stimmen laut, die mahnten, es sei hohe Zeit, dem Populismus nicht das Feld zu überlassen und auf den Rechtsruck eine andere Antwort zu finden, als selbst nach rechts zu rücken. Sie blieben halblaut. Nur einer hatte anscheinend verstanden. "Wir haben verstanden", sagte CSU-Chef Seehofer – "wir brauchen eine andere Politik." Aber welche? Die Masse der Hilfesuchenden müsse endlich und dauerhaft ferngehalten werden von Deutschland, so Seehofer, andernfalls stelle sich schon bald die "Existenzfrage". Kurzum: Wenn die Fremden erst mal weg seien, löse sich das Problem AfD wie von selbst und alles werde gut.

Ist das so? Die Montagsspaziergänge von Pegida, die Galgen für die Politik, die Prügel für die Presse, das Überhitzen der Gerüchteküche, die Verschwörungskonjunktur, die Hassorgien und Gewaltausbrüche, die massenhafte Abwendung von "dem" System, der rasante Aufstieg einer Antiparteienpartei: Das alles wirklich nur, weil sich die Zahl der nach Deutschland geflüchteten Menschen binnen eines Jahres vervielfacht hatte? Waren sie wirklich die Ursache für die Schieflage, in die das wohlhabende und krisenfeste Land plötzlich geraten war? Oder womöglich nur der Auslöser?

Schauen wir uns die unzähligen Gerüchte, die im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise nahezu epidemische Formen annahmen, noch einmal etwas genauer an. Geflüchtete, so geisterte es durch die sozialen Netzwerke, hatten in vielen Fällen Kinder entführt und missbraucht; Geflüchtete hatten massenhaft Frauen in Tiefgaragen, in Unterführungen, im Wald vergewaltigt; Geflüchtete hatten diverse Hausmeister von Asylunterkünften halb totgeprügelt. Und das "Schweinesystem" hielt alles unterm Deckel. Nichts von all dem entspricht der Wahrheit. Und dennoch sind all diese Meldungen "Wahrheiten", an die eine immer größere Zahl von Menschen offenbar glauben will. Warum? Ein Gerücht wird – wie eine Verschwörungstheorie – nur geglaubt, wenn es Anknüpfungspunkte in der Wirklichkeit hat.

Und wie sich aus all den Falschmeldungen einmal mehr herauslesen lässt, sieht die Wirklichkeit für viele Bundesbürger derzeit so aus: Sie bangen. Um sich, um ihre Kinder, um ihr Heim. Sie haben Angst, im sich stetig verschärfenden Wettbewerb nicht mehr mithalten zu können. Sie wissen nicht, ob sie ihren Arbeitsplatz schon bald an einen Computer verlieren werden. Wie die Zukunft aussieht, können sie sich immer schwerer vorstellen, sie ahnen jedoch, dass sie nicht zwangsläufig schöner sein wird als das Heute. Sie ängstigen sich vor Kriminellen und mehr noch vor Terroristen, weil diese höhnen: Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod. Und weil Politik und Medien auf allen Kanälen senden, dass nichts gefährlicher sei als der Terror. Sie sehen, dass Deutschlands Wohlstand womöglich teuer erkauft ist. Sie wollen keine Veränderung, weil sie schon viel zu viele erlebt haben und weil die nächste gewiss keine Verbesserung bedeutet. Sie fürchten zu verlieren, was sie haben.

Und dann gibt es noch jene, die diese Ängste gerne hätten, weil das hieße, dass da etwas ist, was sie verlieren könnten. Die hören und sehen, dass die Wirtschaft wächst und der Jobmotor brummt, dass das aber offenbar nur für jene Orte gilt, an denen sie gerade nicht sind. Sie wissen, dass sie abgehängt sind. Sie können der "Willkommenskultur", für die sich die anderen Deutschen einige ungetrübte Wochen lang feiern konnten, nichts abgewinnen, weil sie sich schon lange nicht mehr im eigenen Land willkommen fühlen. Sie wünschen sich Veränderung. Wenn die aber darin besteht, dass sie um die wenigen Chancen, die sie haben, mit noch mehr Menschen konkurrieren müssen, dann reicht es. Dann stimmen sie gegen "die da oben" mit den Füßen ab und notfalls, wenn sich eine Alternative bietet, auch mal wieder bei Wahlen.

Alles Rassisten? Alles überzeugte Rechte? Man darf es bezweifeln. Eher ein "Verbitterungsmilieu", wie es der Soziologe Heinz Bude ausdrückt. Und diese Verbitterung ist das womöglich letzte verbindende Element zweier ansonsten immer weiter auseinanderdriftender Gruppen: der ängstlichen Mitte und der Abgehängten. Die Fremden, die plötzlich in immer größerer Zahl Zuflucht in Deutschland suchten, kamen beiden Gruppen gerade recht. Mit PI, Pegida, AfD und all den anderen Rechtspopulisten und Islamfeinden standen zudem die Manipulateure der Angst in großer Zahl parat, um sie weiter zu befeuern. Und dass selbst aus der etablierten Politik, allen voran der CSU, regelmäßig dumpfe Parolen zu Masseneinwanderung und Terrorgefahr in die Debatte geworfen wurden, konnte nur allzu leicht als Ermutigung zur Ausgrenzung verstanden werden. All die diffusen Ängste, welche die Menschen in den vergangenen Jahren plagten, nahmen mit den Flüchtenden endlich konkrete Gestalt an. Im Fremden, im muslimischen Fremden fanden die Bürger den ersehnten Sündenbock.

"Wenn es die Fremden nicht schon gäbe, müsste man sie angesichts der Intensität unserer Ängste erfinden", schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman. Fremde stünden "für die Unsicherheit, unter der wir alle zu leiden haben. In einer bizarren und perversen Weise wirkt ihre Anwesenheit sogar tröstlich und beruhigend: Unsere diffusen Einzel-Ängste erhalten in ihnen ein greifbares Objekt, auf das sie sich konzentrieren können – man weiß, woher die Gefahr kommt, und muss das Schicksal nicht länger wehrlos hinnehmen. Endlich kann man etwas dagegen tun." Wer über Jahre hinweg das Mantra der Leistungsgesellschaft verinnerlicht hat, dass jeder sich selbst am nächsten ist und Anstrengung automatisch zum Erfolg führt, und wer trotz aller Anstrengung nicht vorankommt, der erhofft sich womöglich durch die Abwertung des Fremden die Aufwertung des Selbst.