Eigentlich hätte die Debatte sofort beendet sein sollen, als Allen Frances sich zu Wort meldete. In einem Beitrag für die Huffington Post schrieb der amerikanische Psychiater: Donald Trumps Verhalten rufe zwar bei vielen Menschen Stress und Unbehagen hervor, Trump selbst erscheine aber bemerkenswert stressfrei, seine Widerwärtigkeit stelle für ihn offenbar keine Beeinträchtigung dar. Kurzum: "Keine seiner entsetzlichen Eigenschaften kommt einer psychischen Störung auch nur nahe."

Frances, inzwischen emeritiert, war jahrelang einer der Hauptautoren des wichtigsten psychologischen Diagnosehandbuchs in den USA, des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM). Frances ist Gründungsherausgeber des Journal of Personality Disorders, also der Experte für Persönlichkeitsstörungen. Doch die geistige Gesundheit des republikanischen Präsidentschaftskandidaten wird weiter diskutiert, seitenlang im Magazin The Atlantic, ungebremst in den sozialen Medien, scheinbar objektiv in einer aktuellen Umfrage unter mehr als 2.200 Psychologen und Psychiatern im Netz. Die Washington Post benannte bereits eine neue Disziplin der Seelenheilkunde: "Trumpology". "Armchair psychology" nennen Fachleute die Ferndiagnose öffentlicher Persönlichkeiten, eine Lehnstuhl-Psychologie, die jeder empirischen Grundlage entbehrt. Sie gilt als unethisch und kann in den USA zum Ausschluss aus den Standesverbänden führen. Sie ist aber offenbar schon immer eine reizvolle Herausforderung gewesen – seit Sigmund Freud 1910 Leonardo da Vinci fernanalysiert hat. Und ist der Fall Trump nicht eine Ausnahme? Muss man nicht vor ihm warnen? Für die New York Times hat Benedict Carey die Positionen der aktuellen Debatte analysiert. Wir dokumentieren seinen Text:

Mehr als 1.000 Psychiater waren sich in diesem erbittert geführten Präsidentschaftswahlkampf einig: Der republikanische Kandidat ist schlicht nicht geeignet für das Amt. Er leidet an schweren Persönlichkeitsstörungen, unter anderem an Paranoia, Narzissmus und einem gottgleichen Selbstbild. Ein Arzt nannte ihn einen "gefährlichen Irren".

Das war 1964, und nachdem der republikanische Senator Barry Goldwater die Präsidentschaftswahlen erdrutschartig verloren hatte, verklagte er die Herausgeber des Magazins fact, in dem die Umfrage erschienen war. Das Gericht gab Goldwater recht und sprach ihm 75.000 Dollar Schmerzensgeld zu.

Aber nicht nur die Richter, auch viele Ärzte kritisierten die Umfrage, zum einen wegen der nicht durch nachgewiesene Fakten untermauerten Diagnosen, aber auch weil die Umfrage ganz offensichtlich parteiisch war. 1973 verabschiedete die American Psychiatric Association, die Standesorganisation der US-amerikanischen Psychiater, die sogenannte Goldwater-Regel. Danach gilt es für Psychiater als unethisch, den Gesundheitszustand einer öffentlichen Person zu beurteilen, sofern "er/sie nicht eine Untersuchung durchgeführt hat und die erforderliche Erlaubnis für eine derartige Aussage erhalten hat".

Und damit wären wir auch schon bei Donald J. Trump.

Mit seinen aufwieglerischen Äußerungen, die direkt aus seinem ungeordneten Bewusstseinsstrom stammen könnten, strapaziert der republikanische Präsidentschaftskandidat die Goldwater-Regel bis zum Äußersten und zeigt, wie gespalten die Experten in der Frage sind, inwieweit ihre selbst auferlegte Zurückhaltung heutzutage noch angemessen ist.

Psychiater und Psychologen haben öffentlich gegen die Goldwater-Regel verstoßen und Trump eine ganze Reihe von Persönlichkeitsproblemen unterstellt, darunter pathologische Selbstüberschätzung, fehlende Empathie und bösartigen Narzissmus. So vehement werfen einige Fachleute mit klinischen Beleidigungen um sich, dass sich der Fachverband genötigt sah, noch einmal eine Mahnung auf seine Homepage zu stellen: "Ein Verstoß gegen die Goldwater-Regel ist unverantwortlich, möglicherweise stigmatisierend und ganz entschieden unethisch."

Es scheine "für einige Fachleute geradezu unwiderstehlich verlockend" zu sein, einem Politiker, den man ablehne, eine psychiatrische Störung anzudichten, sagt Paul Appelbaum, Professor für Psychiatrie, Medizin und Recht an der Universität Columbia. Er lehnt das Vorgehen seiner Kollegen ab: "Dieses Jahr sind sie – möglicherweise noch mehr als sonst – davon überzeugt, die Nation vor einem furchtbaren Los zu bewahren."