Der freiheitliche Parteichef Heinz-Christian Strache muss in der vergangenen Woche ganz schön gelb vor Neid geworden sein. In einer geschickt orchestrierten Medienoffensive kaperte Sebastian Kurz, die Kanzlerhoffnung der Volkspartei, innerhalb weniger Tage das blaue Leib- und Magenthema: eine Verschärfung in der Asylpolitik. Kurz stellte ein neues Integrationsgesetz in Aussicht, in dem er gleich eine ganzes Bouquet populistischer Forderungen verwirklicht sehen will: Teilnahmepflicht an Wertekursen, Begrenzung der Mindestsicherung für Asylberechtigte, verpflichtende Ein-Euro-Jobs für anerkannte Flüchtlinge, die am Arbeitsmarkt nicht unterkommen, Verbot der Vollverschleierung.

"Tun wir nicht so, als hätten wir kein Problem", begründete Kurz seinen bunten Strauß aus Distelparagrafen. Jeden Monat würden tausend neue Flüchtlinge das System der Mindestsicherung belasten, das all jene auffangen müsse, die, wie der berüchtigte "Analphabet aus Afghanistan", keine Chancen hätten, eine bezahlte Betätigung zu finden. Ohnehin würden nach fünf Jahren erst 50 Prozent der Asylberechtigten in einen Job vermittelt worden sein. Die Perspektiven wären düster. Ohne die verschärfte Regierungslinie, die der Außen- und Integrationsminister nun vorgeben will, könnte das Land den Zustrom nicht mehr lange verkraften.

Seitdem Kurz im Juni das "Vorbild Australien" zur Abwehr der Flüchtlingsströme entdeckt hat, bemüht er sich, mit seiner harten Linie den Ton in der Asyldebatte zu dominieren. Er wird nicht müde zu beteuern, er habe bereits vor einem Jahr die "falsche" Flüchtlingspolitik der Europäer kritisiert, und "leider Gottes" habe er recht behalten. Mittlerweile ist die Schlagzahl des schwarzen Hoffnungsträgers, der diese Woche seinen dreißigsten Geburtstag begeht, so hoch, dass die meisten seiner Regierungskollegen, auch jene in der eigenen Partei, nicht mehr mithalten können. Vor allem ist es verdächtig ruhig geworden um ÖVP-Chef und Vizekanzler Reinhard Mitterlehner, derweil sich der jugendliche Draufgänger gekonnt in den Vordergrund spielt.

Trotz der Sommerpause kam die Regierung in den vergangenen Wochen kaum zur Ruhe. Mit Ausnahme des nationalen Schulterschlusses im angespannten Verhältnis mit der Türkei geraten die Koalitionsparteien in ihren Positionen zunehmend aneinander. Der Vorstoß von Sebastian Kurz verstärkt nur das Konfrontationspotenzial zusätzlich. Doch dürfte sich der junge Minister mittlerweile gar nicht mehr als Teamspieler verstehen, sondern sich lieber als Einzelgänger einen Weg für seine politische Zukunft bahnen. Und der führt ihn direkt zu einem Wettlauf der Populisten.

Mit der politischen Eskalation in der Asylfrage positioniert sich Kurz jedenfalls bereits jetzt für den nächsten Nationalratswahlkampf – und zwar in direkter Konkurrenz zu dem freiheitlichen Hardliner Strache. Spätestens seitdem Christian Kern den Posten des Regierungschefs übernommen hat, gilt es als gesichert, dass die Volkspartei mit dem dynamischen und populären Außenminister an der Spitze in das nächste Rennen gehen wird. Der Zeitpunkt für den Wechsel des Parteiobmannes muss allerdings fein auskalibriert sein. Theoretisch wären dazu noch zwei Jahre Zeit. Doch so lange scheint die Volkspartei nicht mehr zuwarten zu können.

Während es den Sozialdemokraten mit der Berufung von Christian Kern immerhin gelungen ist, ihre Partei in allen Umfragen zu stabilisieren – allerdings in einem gehörigem Respektabstand zu den Freiheitlichen –, schrumpft die Volkspartei langsam vor sich hin; zuletzt dümpelte sie sogar bei nur mehr 18 Prozent Wähleranteil. Meinungsforscher attestieren der kleineren Regierungspartei, dass sich mehr und mehr ihrer Anhänger in das blaue Oppositionslager verabschieden. Die stete Erosion könnte schon bald zu einer Situation führen, in der selbst für das Wunderwesen Kurz ein auch nur bescheidener Wahlerfolg außer Reichweite liegt.

Das schwarze Dilemma wird noch dadurch verschärft, dass es der Regierung mangels gemeinsamer Positionen nicht gelungen ist, die politische Debatte von ihrer monothematischen Fixierung zu befreien. In einem stark polarisiertem Elektorat fürchtet die ÖVP-Hoffnung Kurz offensichtlich, mit einer moderaten Linie unterzugehen. Ein Duell der Populisten könnte ihm daher unvermeidlich erscheinen. Gut möglich, dass er sich seit vergangener Woche bei diesem Wettrennen bereits kurz vor der Zielgeraden wähnt und demnächst zum Schluss-Sprint ansetzt.