I. Perspektive

Die Alleinstehenden auf Tinder stehen tatsächlich oft allein, das ist die erste Erkenntnis. Sie stehen allein vor geschwungenen Spiegeln im Flur, sie stehen allein im Badezimmer, mit Duschkabine im Hintergrund, sie stehen allein in verspiegelten Aufzügen. Sie stehen da, oberkörperfrei, in Unterhemd, in Anzug oder Businesskostüm. Sie halten das Smartphone auf Halshöhe, den Blick aufs Display gerichtet, auf ihr digital reproduziertes Abbild – oder darüber hinweg, in den Spiegel.

Zum Beispiel Angelina, 24. Sie steht in schwarz-weißem Bunnykostüm, mit Hasenohren auf dem Kopf, vor einem umrahmten Standspiegel und schaut lächelnd auf ihr Handydisplay. Der Raum ist leer und halbdunkel. Oder Christin, 24. Sie sitzt in Yogahose und weißen Nike-Sneakers auf hellem Dielenboden, die langen Wimpern gesenkt, Blick aufs Smartphone, alleine. Oder Julian, 26. Er steht in grauem Anzug vor dem Spiegel eines verlassenen Bekleidungsgeschäfts, das iPhone auf Mundhöhe, ein Bein angewinkelt, als sei er gerade dabei, seinem Spiegelbild entgegenzugehen.

Das Spiegel-Selfie, das fotografische Selbstporträt also, das den Umweg über eine reflektierende Fläche nimmt (auch Schaufenster, gläserne Türen), ist allgegenwärtig auf Tinder. Es ist das wohl unmittelbarste Dokument von Singleschaft. Es zeigt Alleinsein auf zwei Ebenen: Die Person ist nicht nur allein auf dem Bild, allein vor der Kamera; sie ist auch allein hinter der Kamera. Sie ist Fotograf und Fotografierter zugleich.

Eine Perspektive, die an Kim Kardashian erinnert, jenes amerikanische Societywunder, das regelmäßig vor Superspiegeln steht, in Marmorbädern irgendwo in den Hügeln von Hollywood, sich mit ihrem iPhone knipst und das Bildnis ihrer Selbst per Instagram um die Welt schickt. Ein Spiegel-Selfie muss nicht Mangel und Einsamkeit dokumentieren, es kann – wie bei Kardashian – auch Zeugnis einer freiwilligen Selbstreferentialität sein. Der Single als Star. Das Spiegel-Selfie kann zudem auch als Beweis von Unabhängigkeit gelesen werden, es signalisiert: Ich brauch dich nicht unbedingt. Notfalls mache ich Dinge, die man zu zweit tut, alleine.

Und dann sind auf Tinder jene Bilder zu finden, auf denen jemand zu sehen ist, der nicht zu sehen ist. Eine zweite Person, die unsichtbar ist – aber präsent. Bilder, von denen man vermutet, dass sie in jener Zeit entstanden sind, in der eine Partnerschaft noch die Arbeitsteilung von Fotografieren und Fotografiertwerden ermöglichte.

Da sieht man eine Frau im abendlichen Gegenlicht, die bis zu den Knöcheln im Meer steht, und man sieht, zweitens, einen menschlichen Schatten auf dem Sand, den Schatten des Fotografen. Der lange Schatten der Beziehung? Ist das ihr Ex? Oder: Amira. Sie sitzt in einer schmalen Gasse vor einem Teller Rigatoni mit Parmesan, die Anmutung von Urlaub, sie greift sich in die Haare, den Blick auf die Nudeln gerichtet. Wer macht das Foto? Wer sitzt ihr da gegenüber? Und ist sie über ihn hinweg?

II. Mimik

Der deutsche Single hat augenscheinlich gute Laune. Die Lachenden sind auf Tinder in der absoluten Mehrheit, ach was: Sie machen mindestens zwei Drittel aus. Die Männer, vor allem die heterosexuellen, unterstreichen das fröhliche Okay gerne mit ausgestrecktem Daumen oder Victorygeste. Danny, 28, hält in der einen Hand ein Becks und in der anderen einen silbernen Fußballpokal. Sein Gesicht ist das eines Gewinners: gerümpfte Nase, hochgezogene Augenbrauen, bei mir läuft’s. Das ist der erste Blick.

Auf den zweiten Blick stellt sich die Lage komplizierter dar. Die vordergründige Fröhlichkeit wird massenhaft irritiert: Mal blitzt Unsicherheit durch, mal Skepsis, mal die schlingernde Suche nach einem adäquaten Gesichtsausdruck. Die Frauen, fast ausschließlich die heterosexuellen, fallen reihenweise der nicht mehr ganz so neuen Mode des Duckfacings anheim. Sie schieben ihre Lippen zu einem Entenmund zusammen, in der Hoffnung auf Niedlichkeit und schmale Wangen. Seit Bestehen dieser Mode, seit gut sechs Jahren, scheint sich im Internet ein mimisches Wettrüsten entfesselt zu haben, das auch Tinder erreicht hat: Die Lippen werden noch weiter und entschiedener zu Schnuten geformt. Madeleine, 21, hebt sich durch karikierende Übertreibung ab. Sie hat die Wangen so weit eingezogen, dass sie auf ihnen herumkauen könnte.