Fünfhundert Meter vom Kiewer Maidan findet im Keller eines besetzten Hauses das wichtigste Nähkränzchen des Donbass-Krieges statt.

Draußen, auf dem imposanten Hauptplatz und dem prachtvollen Kreschtschatik-Boulevard, versucht sich die ukrainische Armee mit Kanonenschlägen, Militärkapelle und einem Aufmarsch zum 25. Jahrestag der Unabhängigkeit der Ukraine an einer Demonstration von Macht und Kompetenz. Hier in einem Hinterhof der Hroschewsko-Straße 4 b sitzen dreizehn Frauen und nähen für den Krieg: Tarnüberwürfe für Panzer und Maschinengewehre, Tarnanzüge für Scharfschützen.

Es ist der Treffpunkt des selbst ernannten Tarnungsbataillons. Sein Wappen: eine schwarze Spinne in einem dunkelgrünen Netz.

Es gibt Tee, Kekse und Likörchen, im Hintergrund dudelt ukrainisches Popradio. Die Frauen, zwischen Ende 30 und Mitte 70, fädeln grüne, braune und beige Stofffetzen auf, plaudern und lachen. Es sind Ärztinnen, Lehrerinnen und Rentnerinnen, die hier ihre Abende verbringen. Sie verstehen sich als engagierte Patriotinnen, als Frauen, die die jungen Männer an der Front nicht im Stich lassen wollen. In schwierigen Zeiten wollen sie einen aktiven Beitrag leisten. Sie wollen nicht passiv beiseitestehen.

Fast drei Jahre nach der Maidan-Revolution, zweieinhalb Jahre nach der Annexion der Krim durch Russland sowie nach dem Kriegsbeginn um den Donbass und eineinhalb Jahre nach Unterzeichnung des Minsk II genannten Waffenstillstandsvertrags gehen die Kämpfe im Osten der Ukraine weiter. Im Juni und Juli starben so viele Zivilisten wie seit gut einem Jahr nicht mehr. 69 Tote und Verletzte im Juni und 73 im Juli. Anfang August meldete die russische Regierung ukrainische Sabotageakte auf der Krim und vermutete, die ukrainische Regierung fördere Terrortaten.

Die Regierung in Kiew dementierte. Dennoch versetzte der ukrainische Präsident Poroschenko Teile der Armee in erhöhte Kampfbereitschaft und warnte, die Ukraine werde mobilmachen, sollte die Krise um die Krim weiter eskalieren. Der eingeschlafen geglaubte Konflikt erwacht in diesen Tagen. Und solange der Krieg weitergeht, machen auch die Frauen im Keller hinter dem Maidan weiter.

Die Gründerin las auf Facebook, dass der Armee die nötige Ausrüstung fehle

Gegründet hat das Tarnungsbataillon Julia Polianska, 45. Als der Krieg im Donbass 2014 begann, las sie auf Facebook von Soldaten, denen die nötigste Ausrüstung fehlte, vor allem Tarnkleidung. Häkeln, stricken und nähen konnte die Geschäftsführerin eines kleinen Ladens. "Rumsitzen und nichts tun ist die Hölle", sagt Polianska. "Ich fühle mich auch selbst besser, wenn ich etwas beitragen kann. Wenn ich schon nicht selbst für mein Land kämpfe." Also begann sie mit ihrer Schwester, Tarnanzüge zu nähen. Erst einzelne, dann für ganze Truppen. Heute gehören insgesamt 30 Frauen zum Tarnungsbataillon.

Dafür, dass die Damen in diesem Keller für den Fronteinsatz schneidern, hat ihr Nähkränzchen etwas verblüffend Unpolitisches. Ihr Engagement wirkt eher mütterlich als martialisch, die Werkstatt sieht aus wie ein Partykeller nach Karneval. An den Wänden hängen Flaggen der ukrainischen Armee, blaue und gelbe Luftballons und Fotos aus den Kampfgebieten. In alten Kartons lagern in Streifen geschnittene Kartoffelsäcke, grün gefärbte Bettlaken, Wolle in Ockertönen und Fischernetze, die die Frauen zum Rabattpreis aus einer Fabrik in Charkiw beziehen.

Kikimoras werden die unterschiedlichen Tarnüberwürfe hier genannt, nach einem alten slawischen Poltergeist. Tatsächlich machen sich die jungen Soldaten einen Spaß daraus, ihre Yeti-artigen Tarnanzüge anzuprobieren, und erschrecken im nebenan gelegenen Park damit Passanten.