Die Katze schreit. Der Mann im Lederblouson, der vor Herrn Samirs Tresen steht, runzelt die Stirn und sucht im Gesicht des Hotelportiers nach einer Antwort. Doch der dreht stumm und mit der Beiläufigkeit eines Lords, der sich im Gentlemen’s Club eine Tasse Tee einschenkt, das Radio lauter. Die rhythmischen Schreie aus Zimmer 6 gehen gnädig in Lou Reeds Walk on the Wild Side unter. Mit einem Schulterzucken greift der Gast zur Schlüsselkarte und trabt Richtung Aufzug. Als die Lederjacke außer Hörweite ist, sagt der Portier mit gedämpfter Stimme: "Heute ist sie wieder laut, die Katze."

Die so Bezeichnete kommt eine Stunde später die Treppen herunter, ist sehr blond, sehr menschlich und das, was man gemeinhin als Rubensfigur bezeichnet. Ihren Spitznamen konnte sie sich über Jahre hinweg erarbeiten. Hier, in einem Etablissement, das sich der schnellen Ekstase, dem heimlichen Schäferstündchen, dem spontanen Seitensprung verschrieben hat: dem Hotel Goldene Spinne, einem der letzten Stundenhotels in Wien.

Bahngasse 1a, Bezirk Landstraße. Beiläufig steht das cremefarbene Gebäude mit den grünen Hotel-Lettern an einer schmalen Straße. Auf den Gleisen daneben rattert die S-Bahn vorüber. Für Moralapostel ist dieser unscheinbare Ort ein Sündenpfuhl. Für Michael Dobias ist er vor allem: ein Dienstleistungsbetrieb. "Viele Leute glauben, ein Stundenhotel sei etwas Verruchtes. Wir sind aber ein ganz normales Hotel. Nur eben für Menschen, die hier ihre Erotik ausleben wollen", sagt der Geschäftsführer der Spinne. Nachsatz: "Schließlich ist das, was zwei Erwachsene hinter geschlossener Tür machen, deren Sache."

Dobias, 49, rasierter Kopf, flacher Bauch, ein sehnig-athletischer Typ mit wachen Augen, ist seit neun Jahren der Direktor. Als eine Art Qualifikation brachte der zweifache Vater die Aura eines buddhistischen Mönchs, eine Passion für asiatischen Kampfsport und ein abgeschlossenes Studium der Zoologie mit.

Der strikte Antialkoholiker ist mit der Spinne aufgewachsen, sein Onkel Theophil Böck erwarb die Herberge in den siebziger Jahren. Bis dahin war es hier stetig bergab gegangen. Ende des 19. Jahrhunderts noch verkehrte im Café-Restaurant Zur Goldspinnerin das Wiener Bürgertum, im Jahr 1908 wurde das Haus zu einem Hotel-Restaurant ausgebaut und in Goldene Spinne umbenannt. Fortan quartierten sich in dem Haus Schichtarbeiter aus den nahen Fabriken ein, die sich ihre Betten oft nur für ein paar Stunden teilten – was diesen Unterkünften ihren Namen eintrug. Mit den Tagelöhnern kamen auch die Dirnen, die am Straßenstrich im Ersten Bezirk, am Kohlmarkt oder auf der Kärntner Straße, ihre Freier köderten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die Goldene Spinne und mit ihr so gut wie jedes Hotel in und rund um die Wiener City, auch die noblen, auf die Einkünfte aus der schnellen Nummer im Separee. In jenen Tagen war die Blütezeit der spezialisierten Häuser, von denen heute nur noch wenige übrig geblieben sind, darunter die Plüsch-Institution Hotel Orient oder das mit Nostalgie und Schmuddel-Charme aufgeladene Hotel Bauer in Rudolfsheim. Der Niedergang der Stundenhotels begann Ende der sechziger Jahre, als der Straßenstrich von der Innenstadt in die Außenbezirke verdrängt wurde und Wohnungsprostitution sowie Laufhäuser aufkamen. Von der vor vierzig Jahren ausgelösten Verdrängungspolitik profitierte vor allem das nächst der City gelegene Domizil in der Bahngasse.

Die Spinne, das war eine spartanische, gleichsam legendäre Absteige, ein Unort, den Neo-Hotelier Theophil Böck in eine gewissermaßen seriöse Bleibe verwandelte. Er ließ nicht nur in jedes Zimmer Duschen einbauen und brachte Ordnung in den Lotterladen, sondern sprach auch verstärkt eine Klientel abseits der Prostitution an: jene "Fremdgeher", wie sie Michael Dobias nennt, die einen klandestinen Rückzugsort suchen. Gleichzeitig baute er einen Teil des Hauses zu einem Drei-Sterne-Hotel aus – was der Spinne mit ihren insgesamt 37 Zimmern einen überaus illustren Kundenmix beschert.

Diskretion ist wichtig, nur Kennwörter hängen auf den Reservierungsschildchen

Gerade checkt bei Portier Samir ein gutbürgerliches Touristen-Ehepaar ein. Heute Raimund Theater, morgen Ronacher, kündigt der Gatte mit dem Elan des top-organisierten Wochenendausflüglers an, während hinter ihm eine strenge Dunkle mit kurzem Paillettenmini vorbeischleicht, wortlos ihre Schlüsselkarte auf den Tresen legt und Richtung Ausgang stöckelt. Der Portier nimmt’s mit neutralem Gesichtsausdruck zur Kenntnis.