Es passierte schon bei der Vorspeise. Mein Gast sagte: Nein danke, heute trinke ich nicht. Eine leise Enttäuschung breitete sich in meinem Körper aus, stieg von der Magengegend in Richtung Herz, bis in den Kopf. Der hatte den aufwendig ausgewählten Chablis zu meinem aufwendig gekochten Abendessen abgelehnt! Offenbar hatte er keine Bedenken, sich als kulinarisch inkompetent zu outen. Beim nächsten Mal konnte ich ihm ja gleich eine Schale Smacks hinstellen.

Wein gehört zum Essen. Wein veredelt. Nur wenn ein gefülltes, dickbauchiges Glas auf hohem Stiel neben dem breitrandigen Teller steht, wird die Fleischbrühe zur Consommé, die Nudeln zur Pasta. Wein macht das Ambiente festlich und den Moment besonders. Weiß jeder. Nur mein undankbares Gegenüber schien das nicht verstanden zu haben.

Vielleicht doch ein Schlückchen?

Später, nach dem Essen, fühlte ich mich schlecht. Himmel, ging es mir durch den Kopf: Jetzt bin ich auch so eine, die andere nervt, wenn sie mal keinen Alkohol trinken wollen. Weil es mir dann selbst keinen Spaß macht. Aber warum?

Normalerweise bin ich aufgeklärt, zeitgemäß und weltoffen. Ich koche vegane Alternativgerichte für meine esoterischen Waldorf-Bekannten, gratuliere Nichtrauchern zu ihrem neuen Leben, ich finde vom Mainstream abweichendes Verhalten meistens sogar ziemlich interessant. Nur beim Trinken nicht. Trinken ist akzeptierter Gruppenzwang.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 37 vom 1.9.2016.

Deshalb gibt es bei jedem Dinner, jeder Party, jedem Empfang auch jemanden, der die Nichttrinker zum Alkohol verführen will. Nervensägen wie mich. Wir schämen uns nicht einmal, dabei peinlich und aufdringlich zu sein. Wer nicht trinkt, wirkt verdächtig, ist mindestens verklemmt, höchstwahrscheinlich schwanger oder trockener Alkoholiker, vielleicht sogar Islamist. Menschen, die behaupten, "auch ohne Alkohol lustig" sein zu können, haben entweder einen bedenklichen Humor – oder sie lügen. Wer trinkt, davon gehen wir wie selbstverständlich aus, tut aktiv etwas für die Stimmung, im extremsten Fall säuft er sich den Abend schön.

Der Nichttrinker dagegen erlaubt sich, das Aufkommen guter Laune einfach nicht zu unterstützen. Passiv steht er da, mit Selters oder Saft, unbewaffnet im Kampf gegen die Steifheit des frühen Abends. Die harte Arbeit des Aufwärmens überlässt er den anderen und profitiert am Ende sogar davon. Schmarotzer. Wer trinkt, ist gesellig – oder signalisiert zumindest seine Bereitschaft, es zu sein. Obwohl das Weinglas-in-die-Hand-Drücken natürlich oft aus Verlegenheit passiert. So kann man wenigstens gemeinsam den Kork erschnuppern oder die milde Säure im Riesling loben, schließlich hat man sich sonst nicht viel zu erzählen.

Vielleicht überreden wir andere auch zum Trinken, um lästige Zeugen unschädlich zu machen. Wir wollen keine "nüchterne Antithese" zu unserer Lust, uns abzuschießen, so hat es Benjamin von Stuckrad-Barre einmal genannt. Keine Spaßbremsen. Wenn das Trinken zum Saufen ausartet, wird aus der Kluft zwischen Nichttrinker und Trinker ein Krater. Bei hinreichendem Pegel machen selbst ich und meine studierten Großstadt-Freunde, die wir uns sonst für so politisch korrekt und geschmackvoll halten, schlechte Witze und drehen begeistert leere Flaschen, um Wahrheit oder Pflicht zu spielen. Alkohol ist unter diesen Umständen die Fahrkarte in eine Welt, in der man sich ohne Reue danebenbenehmen kann. Schluck für Schluck lockert er die Bremsen, die wir in unserem durchoptimierten Alltag viel zu straff angezogen haben, um stets volle Leistung zu bringen. Einfach loslassen, ist doch schön. Allerdings nur, wenn unterwegs keine nüchternen Kontrolleure lauern.

Während wir am nächsten Morgen im Büro/beim Tennis/am Handy lautstark erzählen, was wir am Vorabend alles getrunken haben und wie witzig es war und einmalig und dass wir jetzt einen dicken Schädel haben, haha, aber die Feierei sei das ja wohl wert gewesen, steht der Nüchterne von gestern dabei und weiß es besser. Die Gefahr ist groß, dass er unsere vermeintlichen Abenteuer als billige Peinlichkeiten enttarnt.