Vierzehn Stunden lang nahmen Brasiliens Senatoren sie am vergangenen Montag ins Kreuzverhör. Alles wollten die Volksvertreter von ihr wissen. Hatte sie, wie der Vorwurf lautet, Zahlen frisiert und damit den Staatshaushalt geschönt, um als Präsidentin besser dazustehen? Hatte sie also gegen ihre Amtspflichten verstoßen, einen sogenannten crime de responsibilidade begangen?

Doch die 68-jährige Dilma Rousseff trat keinen Büßergang an. Freiwillig war sie zu diesem letzten Akt ihres Amtsenthebungsverfahrens erschienen. Keine Reue, keine Spur von Demut. Brasiliens Staatschefin auf Abruf setzte zum Gegenangriff an.

Die "sehr verehrten" Senatoren, schimpfte sie, stünden "unmittelbar vor dem Verbrechen, eine Unschuldige zu verurteilen", das hier sei nichts anderes als ein "Staatsstreich". Mit erhobenem Haupt und fuchtelndem Zeigefinger beantwortete sie alle Fragen, mit detaillierter Sachkenntnis. Und immer wieder rief Dilma Rousseff in Erinnerung, dass sie schon vor einem halben Jahrhundert, in den düsteren Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur, als junge Guerillakämpferin für die Demokratie gekämpft und dafür einen hohen Preis bezahlt habe: Gefängnis und Folter. Falsche Vorwürfe und Verurteilungen kenne sie also, die sei sie gewohnt.

Es war ein starker Auftritt, doch geholfen hat er ihr wenig. Bei Redaktionsschluss am Dienstagabend war das Amtsenthebungsverfahren zwar noch nicht entschieden, aber Rousseffs Niederlage schien unaufhaltsam: Ihre kompromisslose und oft selbstherrliche Art hat Gegner wie Unterstützer gegen sie aufgebracht. Bei der Verhandlung am Montag versagten ihr selbst langjährige politische Weggefährten die Solidarität und warfen ihr als Präsidentin komplettes Versagen vor. Sie habe die Wirtschaft ruiniert und das Land gespalten. Ein politisches Comeback gilt als ausgeschlossen.

Vor wenigen Wochen empfing Dilma Rousseff die ZEIT zum Gespräch im Palast der Morgenröte. Brasiliens berühmter Architekt Oscar Niemeyer hat diese Residenz für die Amtsinhaber gebaut – Rousseff darf hier bis zum rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens weiter wohnen. Die Jalousien vor den Wohnzimmerfenstern sind heruntergelassen. Viel Licht fällt hindurch, aber der Blick nach draußen bleibt versperrt.

Rousseff spricht über ihre Angst vor einem Staatsstreich, Brasiliens politische Rechte habe schon immer dazu geneigt. Drei ihrer Amtsvorgänger hätten Putschversuche einer Clique aus Wirtschaftsführern, Armeeoffizieren und Medienmogulen erlebt. Einer habe sich deswegen umgebracht, ein anderer sei von einer Militärdiktatur (1964–1985) abgesetzt worden.

Von einem Putsch zu reden, wenn es um das eigene politische Überleben geht: Das ist schon seit Monaten ihre Taktik. Staatsstreiche, fährt Rousseff fort, folgten heute einem neuen Muster. Statt das Militär aufmarschieren zu lassen, nutzten die neuen Putschisten das bestehende politische System "wie Parasiten". Wie in ihrem Amtsenthebungsverfahren würde formal alles richtig gemacht, aber die Beweggründe seien vorgeschoben und absolute Nichtigkeiten.

Und dann zieht Rousseff in dem Gespräch über ihren abtrünnigen Vizepräsidenten her, der jetzt während des laufenden Verfahrens ihr Amt wahrnimmt. Michel Temer, sagt sie, kremple das halbe Land um, "ohne Wählermandat". Rousseff nennt ihn einen "provisorischen, illegitimen Interimspräsidenten", den Chef der Putschisten.