Für das von Daimler und BMW vorangetriebene Free-Floating-System sind die ökologischen und verkehrstechnischen Gründe weniger klar. Das sagt zumindest Stefan Weigele vom Berliner Unternehmen Civity, der sich seit Jahren mit Carsharing-Modellen beschäftigt und dessen Unternehmen Städte und Gemeinden berät. In einer groß angelegten Studie analysierte er zusammen mit anderen Experten des Unternehmens die Nutzung der car2go- und DriveNow-Fahrzeuge in Berlin. Das Ergebnis: Diese viel genutzte und bequeme Form des Carsharings verhindert nicht zwingend Autoverkehr. Im Gegenteil: Sie ist, so die Studie, eine "motorisierte Bequemlichkeitsmobilität im Nahbereich".

So waren der Untersuchung zufolge 50 Prozent aller zurückgelegten Fahrten kürzer als fünf Kilometer, 15 Prozent sogar kürzer als zwei Kilometer, also Fußweg-Entfernungen. Zudem fand der überwiegende Teil der Fahrten innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings statt, und zwar vor allem zwischen den Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Friedrichshain oder innerhalb von diesen. Diese Strecken haben die Nutzer vorher vermutlich per Bus, Straßenbahn oder mit dem Fahrrad bewältigt. Auswirkungen auf den Verkehr gab es dennoch nicht, denn bezogen auf alle zurückgelegten Wege in Berlin betrug der Marktanteil des Free-Floating-Charsharings lediglich 0,1 Prozent. Mit Taxen wurden im gleichen Zeitraum gut zehnmal so viele Fahrten abgewickelt. Das Fazit der Studie: "Einen nennenswerten Beitrag zu einer globalen Verkehrswende leisten die Free-Floating-Carsharing-Systeme damit ... noch nicht."

Aus kommerzieller Sicht ist das Angebot auch noch kein Erfolg, weil die Auslastung längst nicht das hält, was sich die Planer gewünscht haben. 12 bis 13 Mieten pro Tag seien flächendeckend nötig, damit sich das Geschäftsmodell rechne, heißt es in der Branche. Car2go teilt mit: "Im Schnitt haben wir täglich zwischen sechs und acht Mieten pro Fahrzeug." Die wenigen Fahrten sorgen nicht nur für geringere Einnahmen als geplant. Sie führen auch zu zusätzlichen Kosten: In Hamburg zahlt das Unternehmen zwischen 300 und 400 Mal im Monat Verwarnungsgelder, weil Fahrer das Auto in einer gebührenpflichtigen Parklücke abgestellt haben.

Die große Verkehrswende lässt so auf sich warten, die Marketingabteilungen von Daimler und BMW freut das Engagement trotzdem. Car2go und DriveNow sind schöne Instrumente, um die eigenen Produkte unübersehbar im Straßenbild von Großstädten zu platzieren. "Im Prinzip wird öffentlicher Raum als eine Art Schaufenster genutzt", sagt der Stadt- und Verkehrsplaner Weigele. Das Kalkül der Autohersteller geht so: Wer immer wieder auf Leihbasis Daimlers Smart, ein Mini Cabrio oder den BMW 1er fährt, wird an die Marke gebunden und möchte irgendwann genau dieses Modell auch privat besitzen.

DriveNow arbeitet nach eigenen Angaben in Deutschland seit Mitte 2014 sogar profitabel. Doch wer genauer hinguckt, sieht auch, wie das möglich ist. "Wir leasen die Fahrzeuge von BMW", teilte eine Sprecherin mit. Nach zehn bis zwölf Monaten gehen sie zurück an den Hersteller. Sogar die Kosten der fürs Carsharing nötigen Elektronik-Aufrüstung der Fahrzeuge trägt der Sprecherin zufolge BMW. Tatsächlich subventioniert BMW also die angeblich profitable Tochter.

Immerhin hat die DriveNow-Sprecherin eine ökologische Erfolgsgeschichte vom Elektroauto zu erzählen: "Mitunter fahren Kunden mit einem Verbrenner-Modell zum nächsten verfügbaren Stromer und wechseln das Fahrzeug, um elektrisch fahren zu können", sagt sie. In Kopenhagen, wo DriveNow seit einem Jahr präsent ist, sind schon heute ausschließlich E-Autos vom Typ i3 im Einsatz, insgesamt 400 Stück. Unter anderem, so heißt es bei DriveNow, gewinne man damit belastbare Daten über die Nutzung von Ladesäulen und damit für einen effektiven Ausbau der Ladeinfrastruktur. Und diese Erfahrungswerte würden anderen Städten dann auch zur Verfügung gestellt.

Der Rivale car2go wird zumindest in Kopenhagen keine neuen Erkenntnisse sammeln können. Nach nur anderthalb Jahren gab das Unternehmen am Jahresanfang bekannt, dass es sich aus der Stadt zurückzieht. Die Menschen dort fahren lieber mit dem Rad zur Arbeit.