Frauen haben den besseren Sex. Um diese seit der Antike umlaufende Vermutung kreist das neue Buch von Peter Sloterdijk, und man wird kaum behaupten können, dass sich die These in dunklen Andeutungen erschöpfe. Der Autor spart nicht an Beispielen aus der erotischen Praxis und noch viel weniger, da er nun einmal Philosoph ist, an Fundstücken aus der Philosophiegeschichte.

Mithilfe von Hegels berühmtem Konkurrenten Friedrich Wilhelm Josef Schelling (daher der Titel Das Schelling-Projekt) versucht er sogar, den weiblichen Höhepunkt zugleich als Höhepunkt der Naturgeschichte zu deuten: Der Orgasmus der Frau sei nicht immer gegeben, aber immer schon das geheime Ziel der Evolution gewesen. Warum sonst habe die Natur zur zweigeschlechtlichen Vermehrung gefunden, warum bei den Säugetieren den Ort der Befruchtung ins Innere des Weibchens verlegt, warum schließlich beim Menschenweibchen auch Fortpflanzungsziel und Lusterleben entkoppelt? Und warum – hier beginnt Sloterdijks privatere These – steigere sich nach dem Klimakterium noch das Lusterleben der Frau? Da kann doch nur ein kosmischer Wille dahinterstecken.

So weit, so lecker (jedenfalls für Anhänger solcher Leckereien). Aber hat Schelling, dieser dunkelste aller Denker des deutschen Idealismus, so etwas tatsächlich geschrieben oder gedacht oder auch nur als Weiterung seiner Naturphilosophie mitdenken wollen? Und fügt sich, was Sloterdijk sonst noch an Delikatessen von Platon bis Nietzsche anschleppt, in die Indizienkette, an deren Ende das weibliche Geschlecht der überlegenen Genießerei überführt werden kann?

Hier beginnt das sumpfige Gelände, für dessen Betreten Sloterdijk allerdings listige Vorsorge getroffen hat. Der Frage nach der Seriosität seiner ideengeschichtlichen Exkurse muss er weder nachgehen noch ausweichen (von der empirischen Stichhaltigkeit der These ganz zu schweigen), weil er die Spekulation in die Form eines philosophierenden Briefromans gekleidet hat. An die fiktiven Verfasser der ausufernden E-Mail-Korrespondenz ist die Verantwortung für den Humbug delegiert. Mag doch jeder, der die brieflichen Ergüsse für eher schrill oder – je nach Empfindlichkeit – für geschmacklos hält, an die Rollenprosa durchgeknallter Romanfiguren denken.

Im Übrigen artikulieren die Figuren selbst den einen oder anderen Zweifel. Jedenfalls scheitern sie mit dem Versuch, ihre Hypothese als Grundlage eines Arbeitsprojekts von der Deutschen Forschungsgemeinschaft fördern zu lassen. Den Gutachtern, die man sich vielleicht auch als Vertreter der Leser vorstellen darf, sträuben sich die Haare angesichts der behaupteten Wissenschaftlichkeit des Unternehmens. Den Antragstellern wiederum wird – nach vorübergehender Verbitterung – sogar eine gewisse Erleichterung zugestanden, ihr privatmythologisches Vorhaben keiner weiteren Aufsicht unterstellen zu müssen.

Man sieht: Das Buch schillert in mehr als einer Hinsicht. Ist es am Ende als Wissenschaftssatire gedacht? Und wenn, wer sollte darin zuvörderst karikiert werden? Die fantasiearme und prüde Förderpraxis oder die haltlose Originalitätssucht der akademischen Antragsteller? Oder geht es am Ende gegen den wissenschaftlichen Anspruch als solchen, immer und überall haltbare Belege anführen zu müssen, auch dort, wo solche gar nicht vorhanden sein können? In dem Buch gibt es einen hübschen Exkurs über die Notwendigkeit einer neuen Methodologie der Haltlosigkeit, ein typischer Sloterdijk-Gedanke: "An den Fakultäten galten bislang allein die harten Fakten als existent. In Zukunft muss man sich mit den harten Nicht-Fakten zurechtfinden. Das Fehlende besitzt künftig eine eigene Art von Solidität."

Aber natürlich könnte mit dieser offenkundigen Sophisterei auch die nimmermüde Bereitschaft der Geisteswissenschaftler karikiert sein, Rechtfertigungen für ihren neuesten modischen Unfug zu finden. Will Sloterdijk solchermaßen einen selbstkritischen Vorbehalt artikulieren und sich, indem er die Lesart selbst anbietet, gegen mögliche Einwände immunisieren?