Zu den unbeabsichtigten Folgen der deutschen Flüchtlingspolitik dürfte die kollektive Rückbesinnung auf die Nation und ihre Aufgaben zählen. Spätestens seit dem zuwanderungsfeindlichen Volksentscheid für den Brexit und der vehementen Ablehnung der deutschen Politik durch die osteuropäischen Staaten befindet sich die Bundesrepublik in einer ungewohnt isolierten Stellung in Europa. Die außenpolitischen Zerwürfnisse gehen mit Debatten im Inneren einher, die zu Feindseligkeiten und Platzverweisen einladen.

Die Vehemenz der Auseinandersetzung hängt mit der Entsolidarisierung der EU-Staaten zusammen. Sie haben sich entweder vom europäischen Einigungsprozess ganz verabschiedet wie Großbritannien oder auf ihre Rolle in der EU als Nettoempfänger zurückgezogen wie Polen und Ungarn. Auch aufgrund dieser Abwehr und Ablehnung ist in Deutschland eine nationale Selbstbefragung entbrannt, die Züge einer Identitätskrise trägt.

Man muss sich noch einmal vor Augen führen, dass die Deutschen ihre Nation über Jahrzehnte als abgewirtschaftetes Konstrukt empfanden. Ost und West einte vor 1989 der Glaube an eine übernationale Ordnung, sosehr sich die jeweiligen universalistischen Projekte – das kapitalistische wie das sozialistische – unterschieden. Viele meinten im Westen sogar, das postnationale Gefühl hätte das gesamtdeutsche Bewusstsein ersetzt; das erwies sich mit der Wiedervereinigung als Fehleinschätzung. Den Postnationalen blieb nur die mittlerweile enttäuschte Hoffnung, dass die deutsche Nation in einer erweiterten Europäischen Union an Bedeutung verlieren würde.

Das Misstrauen gegen die gesamtdeutsche Nation war nicht nur aufgrund der nationalsozialistischen Barbarei verständlich. Der Nationsbegriff beruht hierzulande auf ethnisch-kulturellen Zuschreibungen und nicht wie in Frankreich oder den USA auf einer politischen Willens- und Bekenntnisgemeinschaft. Die verspätete Nation der Deutschen orientierte sich, wie auch in Osteuropa, an vorstaatlichen Annahmen wie einer gemeinsamen Sprache, Abstammung, Geschichte, Kultur – weshalb die AfD, dies nur nebenbei, auch so entschieden russlandaffin ist. Einwanderungspolitik durfte es in der Bundesrepublik über viele Jahrzehnte hinweg schon deshalb nicht geben, weil sich das Land schlechterdings nicht als Einwanderungsland begriff. Der europäische Einigungsprozess wiederum zielte, etwa mit der Osterweiterung, darauf ab, Willens- und Herkunftsgemeinschaften zu versöhnen – ein Vorhaben, das heute stark bedroht ist.

Jetzt ist ein Buch erschienen, über das sogleich lebhaft diskutiert wird. Denn Herfried und Marina Münkler versuchen darin unter dem doppeldeutigen Titel Die neuen Deutschen (Rowohlt Berlin, 336 S., 19,95 Euro) die deutsche Nation angesichts der Flüchtlingskrise neu zu entwerfen. Zunächst werden in diesem anregenden, auf Zukunftsglaube setzenden Essay grundsätzliche, kulturgeschichtlich aufschlussreiche Überlegungen zum Verhältnis von Stadt und Land, zu fluiden und konservativen Merkmalen von Gesellschaften und zur Gastmetaphorik angestellt. Die derzeitigen Flüchtlingsbewegungen werden damit entdramatisiert, sie erweisen sich als historische Konstante und keineswegs als exorbitantes Ausnahmeszenario.

Als einigermaßen vernachlässigenswert erscheinen dem Ehepaar Münkler die besonders emotional geführten Auseinandersetzungen um den Islam und um religiöse Radikalisierungstendenzen. Sie gelten als soziale, nicht als kulturelle Hindernisse auf dem Weg zu einer individualisierten und offenen Gesellschaft, die auf starke kollektive Identitäten verzichten kann und muss. Weshalb die Nation bei der Dresdner Literaturwissenschaftlerin und dem Berliner Politikwissenschaftler zwar als bedeutsames, aber arg prosaisches und überlieferungsfreies Unternehmen aufgefasst wird: "Als Deutscher", heißt es, "soll ein jeder verstanden werden, der davon überzeugt ist, dass er für sich und seine Familie durch Arbeit (gegebenenfalls auch durch Vermögen) selbst sorgen kann und nur in Not- und Ausnahmefällen auf Unterstützung durch die Solidargemeinschaft angewiesen ist." Diese leistungsethisch-angelsächsische Perspektive wird durch laizistische und verfassungspatriotische Forderungen ergänzt, damit die Nation als "Solidaritätsgenerator" wirken kann.

In Die neuen Deutschen der Münklers haben sich sowohl die bisherigen, die alten Deutschen zu verwandeln als auch die Flüchtlinge, die vor einer erheblichen kulturellen Anpassung stehen. Deutschland, "die Macht der Mitte", um die es einsam geworden ist, muss sich gewissermaßen amerikanisieren, um die Integration der Flüchtlinge zu bewältigen. Die Autoren erinnern folgerichtig daran, dass es einst vor allem im Interesse der Arbeiterschaft lag, einen abgeschotteten Nationalstaat einzufordern, da die Transferleistungen durch Zuwanderung nicht gefährdet sein sollten. Herfried und Marina Münkler plädieren hingegen für eine "Deregulierung" des Arbeitsmarktes, um der heute schon aus demografischen Gründen wünschenswerten Zuwanderung zum integrationspolitischen Erfolg zu verhelfen.