Es ist schon ziemlich verwirrend, was Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel dieser Tage über den Freihandel erzählt. Da erklärt er das europäisch-amerikanische TTIP-Abkommen mitten in den laufenden Verhandlungen für gescheitert, will diese aber trotzdem nicht offiziell abbrechen. Das fertig verhandelte europäisch-kanadische Abkommen Ceta beschreibt er wiederum als einen großen Erfolg, will aber trotzdem in den kommenden Wochen noch nacharbeiten – in direkter Absprache mit der kanadischen Handelsministerin.

Das ist kaum zu verstehen, und so ist es kein Wunder, wenn es von allen Seiten Kritik am Minister hagelt: Die Wirtschaftsverbände und die CDU sehen in ihm den Totengräber der europäischen Handelspolitik. Für die Freihandelsgegner wiederum ist Gabriel ein infamer Taktiker, der für sein Überleben als Parteichef jede nötige Position besetzen würde. Und der nun aus rein taktischen Gründen vorübergehend TTIP begräbt, um so Ceta zu retten – und damit die ganze verfluchte Handelspolitik.

Beides ist falsch.

Wohl zum ersten Mal, seit er als deutscher Wirtschaftsminister für die Handelspolitik zuständig ist, präsentiert Gabriel in dieser Woche sowohl eine richtige Analyse der Probleme als auch die ersten Ideen einer tragfähigen Zukunftsstrategie, die, wenn er damit Erfolg hat, tatsächlich in der Welthandelspolitik etwas zum Besseren verändern könnte.

Nur tut sich ausgerechnet er, der große Rhetoriker, jetzt schwer damit, das überzeugend und verständlich zu erklären. Und wirkt deswegen wie ein ewig taktierender Zickzack-Politiker.

Zu Gabriels Analyse der Gegenwart: Der Mann hat ganz einfach recht, wenn er sagt, TTIP sei tot – und er kann das durch ein ausführliches Gutachten seines Ministeriums untermauern. In keinem der wichtigen TTIP-Kapitel haben die Verhandler in den vergangenen Jahren entscheidende Fortschritte erreicht. Weder beim Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen noch bei Klimaschutz oder der Anerkennung europäischer Standards. Und das trotz 14 Verhandlungsrunden, zahlloser kleiner Treffen, unzähliger Transatlantikflüge und gegenseitiger Beteuerungen der Regierungschefs. Auf keinem Feld sind die Amerikaner den Europäern nennenswert entgegengekommen, und sie werden es auf absehbare Zeit nicht tun. Frühestens wenn der neue US-Präsident im Amt ist (oder die Präsidentin), kann es überhaupt wieder sinnvolle Gespräche geben – aber die werden dann andere Grundlagen brauchen.

Denn auf beiden Seiten des Atlantiks hat sich die Einstellung zum Handel verändert, der Schutz von Umwelt und Sozialem ist Politikern und Parlamenten heute beispielsweise wichtiger als zu Beginn der Runde. TTIP ist damit faktisch schon heute die Geschäftsgrundlage entzogen. Nichts anderes sagt Gabriel. Dass er nicht den letzten Schritt wagt und wie Teile der französischen Regierung Anfang der Woche den offiziellen Abbruch fordert, kann man mutlos finden. Nur, er allein könnte diesen Schritt gar nicht gehen. Den müsste die ganze Bundesregierung beschließen, und weil Angela Merkel, die Meisterin des Ungefähren, das nicht will, wird die Runde fortgesetzt. Im Leerlauf.

Gabriel hat lange gebraucht, um aus dem Scheitern von TTIP die richtige Schlussfolgerung für Ceta zu ziehen. Denn auch dieses Abkommen stammt ja aus einer Zeit, in der in Kanada die Marktradikalen regierten. Deswegen passen auch Teile dieses Abkommens nicht mehr in die Gegenwart, und deswegen wachsen in einigen europäischen Ländern seit geraumer Zeit die Proteste, zum Teil reichen sie bis in die Parlamente hinein – ohne deren grünes Licht es nicht in Kraft treten kann. Damit also nicht auch dieses Abkommen (in dem viel Sinnvolles steht) scheitert, muss es an einigen Stellen nachgebessert werden: beispielsweise bei den Schiedsgerichten oder beim Schutz der kommunalen Dienstleistungen.

Und genau das versucht Gabriel nun offensichtlich. Am Dienstag dieser Woche gab er erstmals öffentlich zu, dass er jetzt mit der kanadischen Regierung noch einmal am fertigen Vertrag arbeitet. Dieser Schritt kommt zwar reichlich spät. Aber er ist trotzdem eine kleine Sensation. Denn Gabriel wagt das Risiko, obwohl die Brüssler Kommission seit Wochen behauptet, nachbessern gehe nicht mehr. Das ist Unsinn. Natürlich geht so etwas, die Frage ist nur, wie viel mit dieser kanadischen Regierung noch geht. Aber auch Kanada will ein gutes, sozial und ökologisch ausgewogenes und demokratisch legitimiertes Abkommen: Der linksliberale Ministerpräsident Justin Trudeau hat das wiederholt beteuert. Nun wird sich zeigen, wie sehr seine Regierung bereit ist, gemeinsam mit Gabriel die entscheidenden Probleme im Text noch zu lösen.

Sicher, der SPD-Chef ist ein Taktiker, der manchmal arg schnell die Position wechselt. Und vermutlich hätte er sich bei TTIP und Ceta nicht neu positioniert, stünde er nicht in seiner Partei und bei Teilen der Öffentlichkeit unter massivem Druck: Lange, für viele Genossen zu lange und ohne überzeugende Argumente, hat er TTIP verteidigt. Weil er es nicht geschafft hat, eine überzeugende sozialdemokratische Version der Handelspolitik zu entwerfen, eine, die auch Nichtexperten verstehen und an deren Nutzen sie glauben. Weil er sich nicht wirklich dafür interessiert hat.

Sigmar Gabriel ist mitverantwortlich dafür, dass viele Bürger (und längst nicht nur SPD-Mitglieder) heute ein Freihandelsabkommen so schlecht finden wie das andere. Und dass sie sich über deren Scheitern freuen, egal ob TTIP draufsteht oder Ceta.

Doch genau diese Schlussfolgerung ist falsch. Die Welt braucht nicht irgendwelche neue Regeln, sondern gute. Wenn Sigmar Gabriel die nun wirklich überall aktiv durchsetzen will, ist das ein Fortschritt.

Dann muss er seinen Entschluss nur noch besser erklären. Und Ergebnisse liefern.