In Gansbaai, Südafrika, schwimmt ein Weißer Hai an einem Käfig (bzw. am Autor) vorbei. © Alard von Kittlitz

Der Hai kommt von der Küstenseite, er drängt Anderson in Richtung offenes Meer, fort vom rettenden Ufer. Der Angriff ist für Anderson wie eine Kollision mit einem Kleinwagen, mindestens eine Tonne wiegt das Tier. Es beißt zu.

Die untere Zahnreihe bohrt sich in das Surfbrett, die obere in Andersons Oberschenkel, etwa 48 Zähne, jeweils vier Zentimeter lang, jeder Zahn wie eine feine, scharfe Säge, die mühelos durch den Neoprenanzug in Haut, Fleisch, Muskeln schneidet. Der Biss ist wie eine hydraulische Presse, bis zu drei Tonnen Druck pro Quadratzentimeter. Das Tier schüttelt Anderson, die Zähne reißen das Bein auf, später sieht es aus, als habe jemand mit einer Machete in Andersons Oberschenkel gehauen. Das Tier lässt los, und Anderson spürt, wie sein Unterschenkel durch das Maul gleitet, wie die Zähne weiter die Haut und die Muskeln darunter aufreißen, aber nicht mehr in die Tiefe dringen. Am Ende ist noch sein Fuß zwischen den Zähnen des Tiers, es dauert eine Ewigkeit, und Anderson denkt: Bitte, bitte, beiß jetzt nicht wieder zu, lass mir den Fuß. Der Hai beißt nicht wieder zu.

Anderson taucht auf. Er sieht die berühmte dreieckige Rückenflosse ein paar Meter neben sich aus dem Wasser ragen. Dann verschwindet das Tier in der Tiefe, und Anderson denkt: Ich bin okay. Ich bin okay. Ich bin noch da.

Weiße Haie jagen gerne so: die Beute verwunden, beobachten, dann noch einmal angreifen.

Für die anderen Surfer im Wasser dauert Stuart Andersons Begegnung mit dem Hai bloß einen Augenblick. Sie hören ein Klatschen, sehen eine Wasserfontäne, wo eben noch Stuart war, das Wasser schäumt, dann ploppt Stuart wieder an die Oberfläche, an sein Brett geklammert. Er paddelt in Richtung Ufer. Raus, ruft er, raus. Alle raus aus dem Wasser, sofort. Die Surfer am Ufer sehen jetzt die Rückenflosse wieder aus dem Wasser ragen. Sie sehen, dass der Hai wendet und Anderson hinterherschwimmt, das Bild aus den Albträumen. Weiße Haie jagen gerne so: die Beute verwunden, beobachten, dann noch einmal angreifen.

Sieh dich nicht um, sagt sich Anderson. Bleib ruhig. Schau nicht hinter dich.

Er hat dann solches Glück. Erreicht das Ufer, will aufstehen, kann nicht, das rechte Bein knickt weg. Aber die Zähne des Hais haben die Femoralis, die Arterie im Oberschenkel, um ein paar Zentimeter verfehlt. Wäre sie durchtrennt, Anderson würde innerhalb von Minuten verbluten. Und dann hängt am Ufer ein Shark-Kit, ein Erste-Hilfe-Kasten für den Fall eines Haiangriffs, wirklich genau da, wo Anderson jetzt ans Ufer kommt. Es war ausgerechnet sein älterer Bruder Matthew, der die Idee hatte, diesen Kasten da hinzuhängen, im Jahr 2012, nach einem Haiangriff ein paar Kilometer weiter westlich.

Zwei der anderen Surfer binden Andersons Oberschenkel ab, pressen die Druckverbände auf die klaffenden Wunden, reden ihm zu: Alles wird gut. Du bist okay. Nach Haiangriffen sterben die meisten Menschen an Blutverlust und Schock.

Anderson wird in die Station der Küstenwache gebracht, irgendwann kommt ein Hubschrauber und fliegt ihn ins Krankenhaus. Die Ärzte flicken ihn zusammen, 250 Stiche. Der Arzt sagt Andersons Mutter: Jetzt muss er noch die Infektion überleben. Haie benutzen keine Zahnseide, zwischen den Zähnen hängt faulendes Fleisch, an der Unterseite des Surfbretts bleiben neben den Zahnabdrücken rostbraune Flecken zurück.

Stuart Anderson überlebt. Er humpelt ein bisschen, kaum merklich, sonst wirkt er unversehrt.

Der Angriff auf ihn war laut einem Haiforschungsinstitut im amerikanischen Princeton der 94. Haiangriff im Jahr 2015. Die nackten Zahlen: Weltweit 111 Angriffe, 9 Tote.

9. Februar, Australien, vermutlich Weißer Hai.

14. Februar, La Réunion, Tigerhai.

21. März, Ägypten, vermutlich Makohai.

12. April, La Réunion, Bullenhai.

29. April, Hawaii, unidentifiziert.

9. Mai, Neukaledonien, Bullenhai.

25. Juli, Australien, Weißer Hai.

17. Oktober, Mosambik, unidentifiziert.

19. Dezember, Kleine Antillen, unidentifiziert.

Im Jahr 2015 kamen mehr Menschen beim Schießen eines Selfies ums Leben als durch Haie.

Neun Tote weltweit. Neun Tragödien. Global gesehen aber auch: nichts. Die Gefahr, durch einen Blitzschlag zu sterben ist 75-mal so groß wie das Risiko eines Haiangriffs. Im Jahr 2015 kamen mehr Menschen beim Schießen eines Selfies ums Leben als durch Haie.

Trotzdem gelten die Tiere als Killer, erfüllt von unstillbarer Mordlust, allen voran der Weiße Hai. Woran liegt das?

Man muss sich, um diese Frage zu beantworten, für einen Moment in das Jahr 1916 zurückbewegen. Damals, im April, erscheint in der Museumszeitschrift Brooklyn Museum Science Bulletin ein Spezialteil über Haie an der nordamerikanischen Ostküste. Frederic Lucas, Direktor des New Yorker Museum of Natural History, schreibt in einem Gastbeitrag, lokale Berichte über Haiangriffe stellten sich fast immer als Quatsch heraus. Die angeblichen Weißen Haie vor Long Island seien meist harmlose Sandhaie. Lucas bezweifelt in seinem Text, dass Haie dem Menschen überhaupt gefährlich werden können. Selbst ein neun Meter langer Hai (Lucas glaubt, der Weiße Hai werde bis zu zwölf Meter lang) könne kaum einen menschlichen Knochen durchbeißen.

Zwei Monate später rollt eine Hitzewelle über die amerikanische Ostküste. Die Menschen reisen zu Tausenden in die Badeorte, um sich im Wasser abzukühlen.

Am 1. Juli stirbt ein junger Arztsohn aus Philadelphia, nachdem ihn ein Hai gebissen hat.

Am 6. Juli stirbt ein Hotelpage, nachdem ihn ein Hai gebissen hat.

Am 12. Juli stirbt ein elfjähriger Junge, nachdem ihn ein Hai gebissen hat.

Bei der Suche nach dem Kind stirbt ein 24-jähriger Geschäftsmann, nachdem ihn ein Hai gebissen hat.

Vier Tote durch Haie in zwölf Tagen: Heute weiß man, dass es sich um eine historische Ausnahme handelte. Auf die Menschen des Jahres 1916 aber wirkt es so, als sei hier die wahre Natur eines blutrünstigen Ungeheuers aus der Tiefe offenbar geworden. Die Badeorte leeren sich, niemand wagt sich mehr ins Wasser, öffentliche Hysterie, der Hai steht auf der Titelseite der New York Times, der Museumsdirektor Lucas bekennt öffentlich seinen Irrtum.